Das Interview führte Florian Sochatzy.
Ich freue mich sehr, dass wir heute den Unternehmer, Innovator, Buchautor, Fernsehunterhalter — wahrscheinlich habe ich ein paar Dinge vergessen — Frank Thelen bei uns auf der EduCouch haben. Ich möchte mich mit dir heute über Schule und Bildung der Gegenwart und Zukunft unterhalten. Wir steigen mit einer persönlichen Frage ein: Bei so einem super-erfolgreichen Typen wie dir müsste man davon ausgehen, dass du extrem gut in der Schule und im Studium warst und wahrscheinlich sogar schon in der Früherziehung und im Kindergarten. Ist das korrekt?
Nein, das Gegenteil ist der Fall. Ich war nicht einmal im Kindergarten gut. Da habe ich nicht am besten Glockenspiel gespielt und in der Schule bin ich nur auf das Gymnasium gekommen, weil ich eine Schwester hatte, die sehr gut war. Allerdings bin ich dann von diesem Gymnasium auf die Realschule heruntergestuft worden und habe dort einen mittelmäßigen Abschluss gemacht. Dann hat sich mein Vater gefragt: Was wird aus dem Jungen? Er hat dann gesehen, dass eine neue Schule aufgemacht wurde in Bonn, im Heimatdorf sozusagen, und hat mich dann auf eine Schule für Computerangelegenheiten gebracht. Da habe ich es dann einigermaßen geschafft. Zwischendurch habe ich dann noch ein Studium abgebrochen.
Was hätte man denn damals anders machen müssen mit dem kleinen Frank, dass er schon Spaß und Erfolg in der Schule gehabt hätte und vielleicht heute noch erfolgreicher wäre? Oder ist tatsächlich der Misserfolg in der Schule auch Teil deines heutigen Erfolgs?
Nein, ich glaube das ist Blödsinn. Ich glaube, dass, wenn ich eine gute Ausbildung und Spaß dabei gehabt hätte, hätten die Sachen noch deutlich besser laufen können. Und dass ich das alles so geschafft habe, hatte ich einer Menge Glück zu verdanken. Es wäre toll gewesen, wenn ich weniger Glück hätte haben müssen und mehr Können gehabt hätte.
Was hätte man anders machen müssen? Man muss mich begeistern. Man muss zum Beispiel sagen: „Wir bauen in diesem Schuljahr ein Flugzeug.“ Um ein Flugzeug bauen zu können, muss man verstehen, warum und wie es fliegt. Man muss die Mathematik und die Physik dahinter verstehen. Die Leute abholen mit ihrer Begeisterungsfähigkeit und auch erklären, dass da etwas herauskommt, was man da baut. Oder man startet ein Projekt und sagt: „Wir bauen ein Theater und führen danach das Stück auf.“ Ich glaube an dieses Machen und Umsetzen. Nicht nur diesen Frontalunterricht mit: „Holt jetzt die Bücher raus. Seite 23. Habt ihr das alle zu Hause auswendig gelernt?“ Das hat mich einfach verloren.

Frank Thelen: “Man muss die Leute abholen mit ihrer Begeisterungsfähigkeit und auch erklären, dass da etwas herauskommt, was man da baut.” — Foto: Benjamin Heinz
Das heißt, wir müssten die intrinsische Motivation mittels ganz konkreter Probleme und Projekte in die Schule bringen? Ist das das Plädoyer dafür?
Ja, zu 100 Prozent. Das ist, glaube ich, das, wozu ich den ganzen Kram lerne. Was ist das Ziel, mich als Kind einfach da hinzusetzen und zu sagen „Du lernst das jetzt ohne Wissen wozu“? Da habe ich dicht gemacht.
Das rote Lateinbuch habe ich gelesen, um es jetzt zu erwähnen.
Genau, das rote Lateinbuch, das kennt ihr alle. Das ist der Hammer. Du sitzt dann da und sagst: „Sum, es, est, summus, estis, sunt“, und keiner wird jemals wieder diese Sprache sprechen. Das ist schon brutaler Blödsinn.
Welche Rolle spielt Lernen heute für dich und wie lernst du heute?
Ich lese teilweise Bücher. Ich spreche mit intelligenten Köpfen über Themen. Ich gucke mir TED-Talks an. Ich höre Podcasts. An allen möglichen Stellen versuche ich neue Themen aufzugreifen und von deutlich besseren Leuten zu lernen.
Das wäre dann themengeleitet und nicht mediengeleitet? Also nur Podcasts oder nur Zeitungen.
Ja, genau. Ich komme eher von den Themen. Wenn du zum Beispiel im Auto sitzt, kannst du halt nicht lesen. Wann hat man auch die Muse und sagt zum Beispiel „Jetzt sitze ich hier mit einem Glas Rotwein und möchte gern ein Buch lesen“? Oder „Jetzt fahre ich von A nach B und deswegen kann ich nur etwas anhören.“ — Dann hört man eher einen Podcast oder ein Audiobook.
Das wäre so eine Art Medienkompetenz. Was glaubst du, dass die Menschen in der Zukunft oder für die Zukunft lernen müssten? Welche Arten von Kompetenzen werden sie brauchen?
Die Menschen müssen breit ausgebildet werden. Das heißt, sie müssen möglichst viel erlebt haben. Also natürlich auch eine Grundausbildung, die wir auch schon haben. Mathematik, Physik, Chemie, Geschichte, aber keine Experten, sondern das Thema einmal grob verstehen. Allerdings fehlt uns Wirtschaft. Was ist ein Vertrag? Wie funktioniert eine Firma? Uns fehlt Softwareentwicklung. Ich will nicht alle zu Softwareexperten machen. Das wäre totaler Blödsinn. Aber ich habe auch ein Grundmaß an Geschichtsbildung, obwohl das sehr schlecht ist, weil ich in der Schule nicht gut war. Die guten Schüler haben eine gute Idee von der Geschichte. Genauso, wie von Chemie oder Biologie und das ist genau das, was ich auch für Softwareentwicklung will: Dass jeder eine Grundidee davon hat, was eigentlich dieser Code ist. Das kann man in wenigen Wochen einigermaßen begreifen und es wird dein Leben verändern, wenn du weißt, wie es funktioniert. Du siehst auch dein Leben verändert, wenn du einmal Politik gehabt hast und dann weißt: Es gibt eine Regierung und die wird gewählt und so weiter.
“Die guten Schüler haben eine gute Idee von der Geschichte. Genauso, wie von Chemie oder Biologie und das ist genau das, was ich auch für Softwareentwicklung will: Dass jeder eine Grundidee davon hat, was eigentlich dieser Code ist.” — Frank Thelen
Dieses Grundverständnis von Wirtschaft, eventuell von Recht, von deinem Körper — Was, glaube ich, auch noch nicht genug vorkommt. Ernährung, zum Beispiel, ist total krass. Die Leute haben so wenig Ahnung von Ernährung und von Softwareentwicklung. Ich hätte gern, dass Schule noch breiter wird und nicht mehr so in die Tiefe geht, weil wir gar nicht wissen, was wir in Zukunft brauchen. Selbst ob man überhaupt noch programmieren sollte, ist eine große Frage. Kann das eine künstliche Intelligenz nicht vielleicht besser? Das Einzige, was uns als Menschen ausmacht, ist unsere Intuition, unsere Fähigkeit Geschichten zu erzählen, dass wir hier sind, wer wir sind, dass wir positive Energie haben. Mehr als Gesamtheit des Menschen, als dieses: Das ist der Experte für Mathematik. Deswegen ist es so wichtig, dass wir breit aufgestellt sind und für das Leben gerüstet sind.
Wie ist es denn mit spezifischen Digitalthemen? Ich konstruiere mal einen Fall: Sollen wir uns nicht in der Schule auch mit zum Beispiel digitaler Öffentlichkeit und wie sie funktioniert beschäftigen? Beispielsweise kommt ein Comedian und macht sich über irgendwelche Social Media Posts lustig. Ist einfach mal konstruiert. Sollten wir da in der Schule auch schon lernen, mit solchen Dingen umzugehen, mit solchen Öffentlichkeitsmechanismen im Digitalen? Und wie könnte man so etwas tun?
Medienkompetenz ist total wichtig, weil teilweise die jungen Leute gar nicht verstehen, dass, wenn sie etwas auf Facebook etwas posten, das die Welt sehen kann. Diese Medienkompetenz aufzubauen, ist extrem wichtig. Es gibt zum Beispiel Verena Pausder, die dort sehr viel macht. Das ist extrem wichtig: Medienkompetenz. Denn die Leute haben gar keine Ahnung, was da eigentlich passiert.
Das ist jetzt vielleicht zu krass, aber man hat ja auch Sexualkundeunterricht. Wenn du mit einer Frau ungeschützt Geschlechtsverkehr hast, dann kann etwas dabei passieren. Das finde ich auch gut, dass die das lernen. Das haben wir, glaube ich, auch alle eingesehen. Deswegen gibt es das ja. Genauso muss man aber auch erklären, was eigentlich passiert, wenn du bei Instagram den Senden-Button drückst oder wie das eigentlich funktioniert? Was ist eigentlich ein Influencer? Ich glaube, das ist wichtiger als Latein-Unterricht. Da sagen manche „Ja, Frank, du Idiot. Du machst die Kultur kaputt“, aber wir haben ja schon Deutsch, Englisch und Französisch oder Spanisch. Damit haben wir Sprachen schon abgedeckt. Ich finde es gut, wenn Leute Altgriechisch oder Latein lernen, aber am Ende des Tages ist es eine Frage der Ressource. Die Ressource heißt Zeit, Schulzeit und in dieser Zeit würde ich lieber so etwas noch unterbringen und dafür andere Fächer herunterfahren, damit die Kinder möglichst breit aufgestellt sind. Mir ist es sehr wichtig, das zu sagen, weil manche denken, ich will aus jeder Schule eine Programmierschule machen. Totaler Blödsinn. Ich will, dass die Schule breiter aufgestellt ist und dass die Kinder für die ungewisse Zukunft vorbereitet sind.
Ich höre da auch ein bisschen heraus: Es ist eine Schule, in der viel Musik, Rausgehen, Laufen im Wald und so weiter vorkommt und mit den digitalen Möglichkeiten schaffe ich mir die Freiräume, das zu tun?
Total. Ich glaube total an die Natur, an Sport, an Reisen, Ausflüge, weil man da lernt, wie es ist, als sozialer Haufen durch die Gegend zu laufen. Der eine hat beim Frühstück alles aufgegessen, sodass nichts übrig blieb: Was machen wir jetzt? Das sind diese normalen, menschlichen Probleme und die muss man in der Schule lernen. Ich verlange jetzt sehr viel von der Schule. Das ist gerade mein Traumbild, was ich hier zeichne, aber das ist mir alles viel wichtiger als der Lateinunterricht.

Frank Thelen: “Du sitzt dann da und sagst: „Sum, es, est, summus, estis, sunt“, und keiner wird jemals wieder diese Sprache sprechen. Das ist schon brutaler Blödsinn.” — Foto: Benjamin Heinz
Ich werde mal etwas grundsätzlicher. Welche Technologien werden in der nächsten Zeit die Welt — und damit auch die Schule — verändern, obwohl Schule ein überaus langsames Konstrukt ist? Worauf müssen wir unseren Blick richten?
Ich habe das im Baukasten der Zukunft in meinem Buch aufgeführt, weil mir das so wichtig ist. Die wichtigste Sache ist: Künstliche Intelligenz. Der Computer wird intelligent werden. Das ist sehr schwer zu verstehen, was da passiert und wie lange das dauert. Das versuche ich dort zu beschreiben. Außerdem: Roboter. Roboter sind heutzutage noch Kindergeburtstag. Wir haben vielleicht einen staubsaugenden Roboter, aber zum Beispiel Boston Dynamics hat erst heute wieder ein Video veröffentlicht und das ist unfassbar, in welche Richtung das Ganze läuft. Das heißt, künstliche Intelligenz in Kombination mit Robotern und 5G, sodass sie immer vernetzt sind und es sehr, sehr günstig wird, sich zuverlässig zu vernetzen. Das wird unser Leben so radikal verändern, wie es leider oder glücklicherweise die Menschheit noch nie erlebt hat. Selbst der Zweite Weltkrieg hatte auf die Menschheit nicht so einen großen Einfluss. Danach kommt noch der Quantencomputer, mit dem wir neue Materialien entwickeln werden und so weiter. Das ist ein riesen Baukasten, der dann zusammenkommt und plötzlich hat man fliegende Autos, aber eben auch viele andere Dinge, die nicht so gut sind.
Aber was würde das für Schule bedeuten? Werde ich dann von dem intelligenten Computer unterrichtet?
Das kann ich dir leider nicht sagen. Es kann sein, dass das ein intelligenter Computer ist. Ich glaube, wir brauchen mehr interaktive Lernmaterialien in den Schulen, weil nicht jeder Lehrer kann auf allen Gebieten exzellent sein. Manchmal ist es vielleicht besser, wenn man eine hochwertige Ausstattung hat und mit großem Display und gutem Sound Dinge gemacht werden oder — noch besser — interaktives Lernmaterial zur Verfügung stellt, in dem die Kinder aktiv über VR oder Ähnliches eingreifen können. Es darf nicht der Dauerzustand sein, dass wir unsere Kinder in etwas stecken, in dem es keine menschliche Kommunikation gibt. Das wäre eine Katastrophe, aber in der Woche jeden Tag eine Stunde zu sagen: Da gehen wir an diese Systeme heran und lernen, wie der menschliche Körper funktioniert in einer besseren Art und Weise, als es ein Lehrer mir jetzt hier zeigen kann. Es ist immer die Mischung und ich glaube, ihr merkt, ich will die Persönlichkeit breit ausbilden, weil die Zukunft so ungewiss ist.
Ich kann jetzt nicht wie früher sagen: „Mache Mathematik. Die werden gesucht.“ Oder: „Physiker ist etwas für die nächsten Jahre.“ Das gab es ja so. Das war wirklich absehbar. Es tut mir leid, aber das wird es so nicht mehr geben. Ich kann dir keinen Beruf nennen, den es in den nächsten 100 Jahren noch gibt. — Außer vielleicht Geschichtenerzähler. Ich glaube Geschichtenerzähler werden bleiben, weil das der Computer nicht kann. Ich weiß, auch das kann die künstliche Intelligenz, aber ich glaube, da wird der Computer noch bleiben. Aber es gibt so wenige Dinge, bei denen ich dir sagen kann, was in Zukunft unser Leben bestimmt.
Meine letzte Frage wäre bezüglich eines Stichworts, das du bereits gegeben hast: VR. Ich persönlich glaube, dass VR einen sehr hohen Impact auf die Menschheit haben wird, weil es so viele dieser Menschheitsträume von Zeitreise bis wo auch immer hin, möglich machen wird und dass Leute auch sehr viel Zeit in VR verbringen werden. Wo siehst du da die Potenziale und Risiken für Bildung in so einer Technologie oder glaubst du, dass VR nicht so durchstarten wird?
Ich muss sagen, da bin ich unsicher. Dass die Blockchain kommt und Daten, die dort vorhanden sind, gespeichert werden, dass die künstliche Intelligenz kommt, dass Roboter kommen usw. — Da bin ich mir 100 Prozent sicher, dass alles so kommen wird. VR kann ich dir nicht sagen. Es ist heutzutage noch komisch eine VR-Brille aufzusetzen und davon Kopfschmerzen zu bekommen. Da ist die Frage, kriegen wir die Technik so gut und seamless hin, dass ich wirklich vergesse, dass ich diese Brille gerade trage und einfach zwei Stunden durch ein Opernhaus laufen oder in die Steinzeit gehen und sie erleben kann? Das glaube ich schon. Wahrscheinlich wird das so sein.
Überlege mal: Da erlebt zum Beispiel ein Kind die Steinzeit und je nach dem, wie weit sie dieses System entwickeln, können die sogar mit Steinzeitmenschen interagieren. Ich meine, mit so einem Kind willst du eher über die Steinzeit sprechen als mit jemandem, der nur platt Bücher gelesen hat, weil er wirklich etwas darüber erzählen kann. Du hast die 100 teuersten Experten aus diesem Bereich, die sich in einem Team zusammenfügen, welches viel Geld hat, um genau einmal diesen Content so zu bauen. Das wird millionenfach ausgespielt und ist dadurch eine sehr, sehr hohe Investition. Im Grunde genommen ja ähnlich, wie heutzutage ein Hollywood-Blockbuster, ein James Bond Film oder so etwas. Der ist ja deshalb so toll, weil da einfach ein unendlich großes Budget vorhanden war. Wenn wir das in die Bildung kriegen, wäre das der Hammer. Von daher glaube ich das schon. Gerade im Bildungsbereich ist das ein guter Punkt: Ich habe mich einmal gefragt, wo der große Durchbruch beim VR ist, außer beim Thelen imitiert ein Piepsgeräusch. Der Bereich ist sehr groß. Da machen wir alle drei Ausrufezeichen dran. — Jetzt zur Frage Bildung: Bildung ist gut, weil da können wir auf einmal in sehr kurzer Zeit, sehr kompetente, sehr intensive, sehr immersive Bildung hereinbringen.
Meine letzte Frage auf der EduCouch ist immer eine Nicht-Frage, und zwar die Aufforderung: Was wäre dir denn noch wichtig auf dieser Couch zu sagen zum Großthema Bildung? Gibt es eine Message, die du noch nicht losgeworden bist und die du gerne noch loswerden würdest?
Ihr müsst euch trauen dieses Thema aufzubrechen. Das Leben verändert sich so stark und schnell. Ihr habt die Verantwortung für die Kinder, dass es einfach nicht in Ordnung ist heute noch Latein- und Frontalunterricht zu machen. Ich weiß, es fehlt oftmals das Geld. Aktiviert die Eltern. Es gibt gute Fördermöglichkeiten auch vom Staat, die oftmals nicht abgerufen werden. Lieber Rektoren, liebe Lehrer: Ihr seid so wichtig für diese Welt, weil ihr die Zukunft bildet. Traut euch mehr zu und wenn ein Experiment mal schief geht, dann ist das so, aber versucht dennoch die Schule aktiv und progressiv neu zu gestalten.