Aber in der Praxis funktioniert das alles doch nicht?
Die technische Ausstattung in der Realschule am Europakanal ist schlank, nahezu unsichtbar und effektiv. Die Tablets gehören den Schülern und funktionieren laut Aussagen von Lehrern und Schülern seit vier Jahren problemlos. Technische Ausfälle sind sehr selten. Das WLAN ist stark, gut geschützt und intelligent aufgebaut (zu diesem Thema wird es in Kürze hier einen ausführlichen Bericht geben). Sowohl Lehrer als auch Schüler bestätigten, dass Zeitverlust durch technische Probleme eine absolute Ausnahme ist.
Missbrauch, Mobbing, Ablenkung?
Das Netz in der Schule ist mit Restriktionen belegt. Einige Seiten sind grundsätzlich gesperrt. Zudem wird das Surf-Verhalten der Schüler aufgezeichnet. Die Schüler wissen das. Sie halten sich an die Nutzervereinbarungen, die sie mit der Schule geschlossen haben. In den ersten vier Jahren kam es nur zu einem Fall, der disziplinarisch geahndet werden musste. Laut Aussage der Lehrer sind Probleme in den Nicht-Tablet-Klassen verbreiteter, da dort die Schüler deutlich unkontrollierter auf ihren Smartphones agieren.
Beispiele für gelungenes (digitales) Lernen
Einige wenige Unterrichtsbeispiele aus den beiden Doppelstunden sollen kurz skizziert werden:
- Erschließung von Karikaturen über die EU:
Die Karikaturen finden sich im Blog. Mit Hilfe einer App versehen die Schüler einzelne Elemente der Karikaturen mit Kommentaren, weiteren Grafiken oder Videos. Mehrere Gruppen präsentieren im Anschluss ihre Ergebnisse vor der Klasse. Die Qualität der Beiträge ist erstaunlich hoch: Komplexe Themen, wie das derzeitige Flüchtlingsdrama im Mittelmeer, werden differenziert präsentiert und in der Klasse kontrovers diskutiert.
- Erarbeitung des Konzepts asymmetrischer Kriegführung:
Die Schüler ordnen Aussagen über ‘reguläre Truppen’ und ‘Guerillakämpfer’ auf einem ansprechend gestalteten Bild per drag and drop zu. Auf der einen Seite sind die Truppen Napoleons zu sehen, auf der anderen Seite portugiesische Guerilleros. Am Ende gibt das Programm eine Rückmeldung über die Richtigkeit der Zuordnung. Im anschließenden Unterrichtsgespräch wird das Konzept gefestigt, auf unterschiedliche Epochen bezogen und mit heutigen Kriegstaktiken verglichen.
- Erschließung einer Infografik aus dem Jahr 1869:
Die Schüler ziehen per drag and drop Aussagen über den Russlandfeldzug auf die Grafik. Dabei schulen sie ihr methodisches Wissen und erschließen sich eigenständig grundsätzliche Probleme und Fehlschläge des napoleonischen Russlandfeldzuges. Auch hier werden die Ergebnisse der jeweiligen Gruppen mittels Beamer präsentiert, abgeglichen und diskutiert.
Ohne die Möglichkeit, in die Grafik zu zoomen und sie mit Informationen zu versehen, wäre die Grafik nicht sinnvoll im Unterricht einsetzbar.
Fazit:
Es gibt sie, die Schulen, die nicht von Bedenkenträgern, sondern von visionären Praktikern geführt werden. Es ist möglich, Schule freier und anders zu denken. In Erlangen führt dieses neue Denken zu deutlich sicht- und wirksamer Schulentwicklung, die Auswirkungen auf das gesamte Schulleben hat: Abschaffung des Stunden-signals, Einführung des Doppelstundenprinzips, konsequente Nutzung von Fachräumen, Arbeit an der papierlosen Klasse, Erweiterung des Angebots zu fachlich-methodischer Arbeit, Intensivierung und Demokratisierung der Unterrichts-kommunikation.
Digitale Technik alleine löst keine Probleme. Digitale Technik in Kombination mit einem innovativen schulischen Konzept, einer (fach-) didaktischen Hinterlegung und einer pädagogischen Begleitung hat hingegen dieses Potential.
Dabei unterstützt digitales Lernen eben nicht nur für den Erwerb von Medienkompetenz im Allgemeinen, sondern auch hochwertige Lernprozesse in den jeweiligen Fächern.
Schließlich soll Markus Bölling, der Rektor der Realschule am Europakanal, abschließend das Wort haben. Er äußert sich zu den Themen Technik, digitaler Mehrwert, Sozialverträglichkeit, Content und politische Rahmenbedingungen: