Alle Schülerinnen und Schüler sollen gerade auch im Geschichtsunterricht erfahren, dass das Zusammentreffen von Menschen unterschiedlicher Prägungen und Herkünfte nicht die Ausnahme, sondern die Realität der historischen Entwicklung der Menschheit ist.
Mit Blick auf Inklusion ist die Beobachtung wichtig, dass das Leben von Menschen in allen privaten und öffentlichen Bereichen von der Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu Gruppen geprägt ist. Diese bilden sich, haben innere Werte sowie Funktionsmechanismen. Gruppen gestalten sich zudem auch immer wieder um, lösen sich auf, ändern Zusammensetzung und Zielsetzung. Die Betrachtung von Gruppenphänomenen im Unterricht kann daher das Verhältnis von Inklusion und Exklusion als eine menschliche Grunderfahrung thematisch erfassen.
Das mBook Gemeinsames Lernen enthält daher – über alle Epochen verteilt – 15 zusätzliche Kapitel, die entlang des Gruppenparadigmas die Spannung zwischen Inklusion und Exklusion narrativ besonders deutlich zum Ausdruck bringen. Sie sind anhand eines spezifischen Icons schon in der Kapitelnavigation zu erkennen und zudem technisch-medial für den inklusiven Unterricht optimiert. Die Kapitel 13 und 14 greifen die Geschichte eines Teils des Nahen Ostens nach dem Ersten Weltkrieg auf, um jenen Schülerinnen und Schülern, die aus diesen Gebieten nach Deutschland gekommen sind, die Möglichkeit zur reflektierten Beschäftigung mit der ‚eigenen’ Geschichte zu geben – eine Möglichkeit, die ihnen in ihren Herkunftsländern infolge von Kriegen und Diktaturen oftmals nicht gegeben war. Zugleich können und sollen sich in diesen Kapiteln jedoch alle Lernenden einer Gruppe mit Themen auseinandersetzen, die immer wieder eine große Rolle in ihrem Unterricht spielen: hier anhand der Frage nach Staats- und Nationsbildung.
Folgende Prämissen tragen die inhaltliche Ausrichtung des mBooks Gemeinsames Lernen:
- Gemeinsames Lernen kann und muss ein fachliches Thema werden, um zu verhindern, dass Inklusion zu einem von Inhalten losgelösten, lediglich phasenweise verfolgten ‚Projekt’ wird.
- Das Fach Geschichte kann soziale Mechanismen, die für das Verständnis der gesellschaftlichen Dimension des Themas von großer Bedeutung sind, transparent und operationalisierbar machen. Ein solcher themenspezifischer Mechanismus ist der von Einschließung und Ausschließung. Die Erfahrung des Einschließens und Ausschließens lässt sich mit Jörn Rüsen – ebenso wie etwa der Zusammenhang von Macht und Ohnmacht, Armut und Reichtum oder Natur und Kultur – als “anthropologische Spannung” des Lebens verstehen, die prinzipiell zu menschlichen Gesellschaften gehört und einen großen Teil ihrer Dynamik ausmacht. Diese Spannungen sind sowohl konstanter Grundpfeiler menschlichen Denkens als auch Gestaltungsantrieb zum Umgang mit Veränderungen.²
- Gemeinsames Lernen ist der Versuch, eine Welt zu schaffen, in der vorurteilsbeladene Gruppenzugehörigkeiten verflüssigt werden können. Lernende müssen Inklusions- und Exklusionsphänomene reflektieren können. Das ist ein wichtiger Bestandteil von Orientierungsprozessen.
Das mBook Gemeinsames Lernen möchte einen Beitrag dazu leisten, dass Schülerinnen und Schüler ein selbstbestimmtes Leben in einer offenen und demokratischen Gesellschaft führen und womöglich lange Ketten kommunikativer Missverständnisse zwischen Menschen unterschiedlicher Fähigkeiten und Prägungen, die nicht selten in Rückzug und Ablehnung enden, verhindert oder zumindest verkürzt werden können.