von Institut fuer digitales Lernen | Nov 30, 2018
Das Interview führte Florian Sochatzy.
Ich freue mich sehr, dass wir heute den Unternehmer, Innovator, Buchautor, Fernsehunterhalter — wahrscheinlich habe ich ein paar Dinge vergessen — Frank Thelen bei uns auf der EduCouch haben. Ich möchte mich mit dir heute über Schule und Bildung der Gegenwart und Zukunft unterhalten. Wir steigen mit einer persönlichen Frage ein: Bei so einem super-erfolgreichen Typen wie dir müsste man davon ausgehen, dass du extrem gut in der Schule und im Studium warst und wahrscheinlich sogar schon in der Früherziehung und im Kindergarten. Ist das korrekt?
Nein, das Gegenteil ist der Fall. Ich war nicht einmal im Kindergarten gut. Da habe ich nicht am besten Glockenspiel gespielt und in der Schule bin ich nur auf das Gymnasium gekommen, weil ich eine Schwester hatte, die sehr gut war. Allerdings bin ich dann von diesem Gymnasium auf die Realschule heruntergestuft worden und habe dort einen mittelmäßigen Abschluss gemacht. Dann hat sich mein Vater gefragt: Was wird aus dem Jungen? Er hat dann gesehen, dass eine neue Schule aufgemacht wurde in Bonn, im Heimatdorf sozusagen, und hat mich dann auf eine Schule für Computerangelegenheiten gebracht. Da habe ich es dann einigermaßen geschafft. Zwischendurch habe ich dann noch ein Studium abgebrochen.
Was hätte man denn damals anders machen müssen mit dem kleinen Frank, dass er schon Spaß und Erfolg in der Schule gehabt hätte und vielleicht heute noch erfolgreicher wäre? Oder ist tatsächlich der Misserfolg in der Schule auch Teil deines heutigen Erfolgs?
Nein, ich glaube das ist Blödsinn. Ich glaube, dass, wenn ich eine gute Ausbildung und Spaß dabei gehabt hätte, hätten die Sachen noch deutlich besser laufen können. Und dass ich das alles so geschafft habe, hatte ich einer Menge Glück zu verdanken. Es wäre toll gewesen, wenn ich weniger Glück hätte haben müssen und mehr Können gehabt hätte.
Was hätte man anders machen müssen? Man muss mich begeistern. Man muss zum Beispiel sagen: „Wir bauen in diesem Schuljahr ein Flugzeug.“ Um ein Flugzeug bauen zu können, muss man verstehen, warum und wie es fliegt. Man muss die Mathematik und die Physik dahinter verstehen. Die Leute abholen mit ihrer Begeisterungsfähigkeit und auch erklären, dass da etwas herauskommt, was man da baut. Oder man startet ein Projekt und sagt: „Wir bauen ein Theater und führen danach das Stück auf.“ Ich glaube an dieses Machen und Umsetzen. Nicht nur diesen Frontalunterricht mit: „Holt jetzt die Bücher raus. Seite 23. Habt ihr das alle zu Hause auswendig gelernt?“ Das hat mich einfach verloren.

Frank Thelen: “Man muss die Leute abholen mit ihrer Begeisterungsfähigkeit und auch erklären, dass da etwas herauskommt, was man da baut.” — Foto: Benjamin Heinz
Das heißt, wir müssten die intrinsische Motivation mittels ganz konkreter Probleme und Projekte in die Schule bringen? Ist das das Plädoyer dafür?
Ja, zu 100 Prozent. Das ist, glaube ich, das, wozu ich den ganzen Kram lerne. Was ist das Ziel, mich als Kind einfach da hinzusetzen und zu sagen „Du lernst das jetzt ohne Wissen wozu“? Da habe ich dicht gemacht.
Das rote Lateinbuch habe ich gelesen, um es jetzt zu erwähnen.
Genau, das rote Lateinbuch, das kennt ihr alle. Das ist der Hammer. Du sitzt dann da und sagst: „Sum, es, est, summus, estis, sunt“, und keiner wird jemals wieder diese Sprache sprechen. Das ist schon brutaler Blödsinn.
Welche Rolle spielt Lernen heute für dich und wie lernst du heute?
Ich lese teilweise Bücher. Ich spreche mit intelligenten Köpfen über Themen. Ich gucke mir TED-Talks an. Ich höre Podcasts. An allen möglichen Stellen versuche ich neue Themen aufzugreifen und von deutlich besseren Leuten zu lernen.
Das wäre dann themengeleitet und nicht mediengeleitet? Also nur Podcasts oder nur Zeitungen.
Ja, genau. Ich komme eher von den Themen. Wenn du zum Beispiel im Auto sitzt, kannst du halt nicht lesen. Wann hat man auch die Muse und sagt zum Beispiel „Jetzt sitze ich hier mit einem Glas Rotwein und möchte gern ein Buch lesen“? Oder „Jetzt fahre ich von A nach B und deswegen kann ich nur etwas anhören.“ — Dann hört man eher einen Podcast oder ein Audiobook.
Das wäre so eine Art Medienkompetenz. Was glaubst du, dass die Menschen in der Zukunft oder für die Zukunft lernen müssten? Welche Arten von Kompetenzen werden sie brauchen?
Die Menschen müssen breit ausgebildet werden. Das heißt, sie müssen möglichst viel erlebt haben. Also natürlich auch eine Grundausbildung, die wir auch schon haben. Mathematik, Physik, Chemie, Geschichte, aber keine Experten, sondern das Thema einmal grob verstehen. Allerdings fehlt uns Wirtschaft. Was ist ein Vertrag? Wie funktioniert eine Firma? Uns fehlt Softwareentwicklung. Ich will nicht alle zu Softwareexperten machen. Das wäre totaler Blödsinn. Aber ich habe auch ein Grundmaß an Geschichtsbildung, obwohl das sehr schlecht ist, weil ich in der Schule nicht gut war. Die guten Schüler haben eine gute Idee von der Geschichte. Genauso, wie von Chemie oder Biologie und das ist genau das, was ich auch für Softwareentwicklung will: Dass jeder eine Grundidee davon hat, was eigentlich dieser Code ist. Das kann man in wenigen Wochen einigermaßen begreifen und es wird dein Leben verändern, wenn du weißt, wie es funktioniert. Du siehst auch dein Leben verändert, wenn du einmal Politik gehabt hast und dann weißt: Es gibt eine Regierung und die wird gewählt und so weiter.
“Die guten Schüler haben eine gute Idee von der Geschichte. Genauso, wie von Chemie oder Biologie und das ist genau das, was ich auch für Softwareentwicklung will: Dass jeder eine Grundidee davon hat, was eigentlich dieser Code ist.” — Frank Thelen
Dieses Grundverständnis von Wirtschaft, eventuell von Recht, von deinem Körper — Was, glaube ich, auch noch nicht genug vorkommt. Ernährung, zum Beispiel, ist total krass. Die Leute haben so wenig Ahnung von Ernährung und von Softwareentwicklung. Ich hätte gern, dass Schule noch breiter wird und nicht mehr so in die Tiefe geht, weil wir gar nicht wissen, was wir in Zukunft brauchen. Selbst ob man überhaupt noch programmieren sollte, ist eine große Frage. Kann das eine künstliche Intelligenz nicht vielleicht besser? Das Einzige, was uns als Menschen ausmacht, ist unsere Intuition, unsere Fähigkeit Geschichten zu erzählen, dass wir hier sind, wer wir sind, dass wir positive Energie haben. Mehr als Gesamtheit des Menschen, als dieses: Das ist der Experte für Mathematik. Deswegen ist es so wichtig, dass wir breit aufgestellt sind und für das Leben gerüstet sind.
Wie ist es denn mit spezifischen Digitalthemen? Ich konstruiere mal einen Fall: Sollen wir uns nicht in der Schule auch mit zum Beispiel digitaler Öffentlichkeit und wie sie funktioniert beschäftigen? Beispielsweise kommt ein Comedian und macht sich über irgendwelche Social Media Posts lustig. Ist einfach mal konstruiert. Sollten wir da in der Schule auch schon lernen, mit solchen Dingen umzugehen, mit solchen Öffentlichkeitsmechanismen im Digitalen? Und wie könnte man so etwas tun?
Medienkompetenz ist total wichtig, weil teilweise die jungen Leute gar nicht verstehen, dass, wenn sie etwas auf Facebook etwas posten, das die Welt sehen kann. Diese Medienkompetenz aufzubauen, ist extrem wichtig. Es gibt zum Beispiel Verena Pausder, die dort sehr viel macht. Das ist extrem wichtig: Medienkompetenz. Denn die Leute haben gar keine Ahnung, was da eigentlich passiert.
Das ist jetzt vielleicht zu krass, aber man hat ja auch Sexualkundeunterricht. Wenn du mit einer Frau ungeschützt Geschlechtsverkehr hast, dann kann etwas dabei passieren. Das finde ich auch gut, dass die das lernen. Das haben wir, glaube ich, auch alle eingesehen. Deswegen gibt es das ja. Genauso muss man aber auch erklären, was eigentlich passiert, wenn du bei Instagram den Senden-Button drückst oder wie das eigentlich funktioniert? Was ist eigentlich ein Influencer? Ich glaube, das ist wichtiger als Latein-Unterricht. Da sagen manche „Ja, Frank, du Idiot. Du machst die Kultur kaputt“, aber wir haben ja schon Deutsch, Englisch und Französisch oder Spanisch. Damit haben wir Sprachen schon abgedeckt. Ich finde es gut, wenn Leute Altgriechisch oder Latein lernen, aber am Ende des Tages ist es eine Frage der Ressource. Die Ressource heißt Zeit, Schulzeit und in dieser Zeit würde ich lieber so etwas noch unterbringen und dafür andere Fächer herunterfahren, damit die Kinder möglichst breit aufgestellt sind. Mir ist es sehr wichtig, das zu sagen, weil manche denken, ich will aus jeder Schule eine Programmierschule machen. Totaler Blödsinn. Ich will, dass die Schule breiter aufgestellt ist und dass die Kinder für die ungewisse Zukunft vorbereitet sind.
Ich höre da auch ein bisschen heraus: Es ist eine Schule, in der viel Musik, Rausgehen, Laufen im Wald und so weiter vorkommt und mit den digitalen Möglichkeiten schaffe ich mir die Freiräume, das zu tun?
Total. Ich glaube total an die Natur, an Sport, an Reisen, Ausflüge, weil man da lernt, wie es ist, als sozialer Haufen durch die Gegend zu laufen. Der eine hat beim Frühstück alles aufgegessen, sodass nichts übrig blieb: Was machen wir jetzt? Das sind diese normalen, menschlichen Probleme und die muss man in der Schule lernen. Ich verlange jetzt sehr viel von der Schule. Das ist gerade mein Traumbild, was ich hier zeichne, aber das ist mir alles viel wichtiger als der Lateinunterricht.

Frank Thelen: “Du sitzt dann da und sagst: „Sum, es, est, summus, estis, sunt“, und keiner wird jemals wieder diese Sprache sprechen. Das ist schon brutaler Blödsinn.” — Foto: Benjamin Heinz
Ich werde mal etwas grundsätzlicher. Welche Technologien werden in der nächsten Zeit die Welt — und damit auch die Schule — verändern, obwohl Schule ein überaus langsames Konstrukt ist? Worauf müssen wir unseren Blick richten?
Ich habe das im Baukasten der Zukunft in meinem Buch aufgeführt, weil mir das so wichtig ist. Die wichtigste Sache ist: Künstliche Intelligenz. Der Computer wird intelligent werden. Das ist sehr schwer zu verstehen, was da passiert und wie lange das dauert. Das versuche ich dort zu beschreiben. Außerdem: Roboter. Roboter sind heutzutage noch Kindergeburtstag. Wir haben vielleicht einen staubsaugenden Roboter, aber zum Beispiel Boston Dynamics hat erst heute wieder ein Video veröffentlicht und das ist unfassbar, in welche Richtung das Ganze läuft. Das heißt, künstliche Intelligenz in Kombination mit Robotern und 5G, sodass sie immer vernetzt sind und es sehr, sehr günstig wird, sich zuverlässig zu vernetzen. Das wird unser Leben so radikal verändern, wie es leider oder glücklicherweise die Menschheit noch nie erlebt hat. Selbst der Zweite Weltkrieg hatte auf die Menschheit nicht so einen großen Einfluss. Danach kommt noch der Quantencomputer, mit dem wir neue Materialien entwickeln werden und so weiter. Das ist ein riesen Baukasten, der dann zusammenkommt und plötzlich hat man fliegende Autos, aber eben auch viele andere Dinge, die nicht so gut sind.
Aber was würde das für Schule bedeuten? Werde ich dann von dem intelligenten Computer unterrichtet?
Das kann ich dir leider nicht sagen. Es kann sein, dass das ein intelligenter Computer ist. Ich glaube, wir brauchen mehr interaktive Lernmaterialien in den Schulen, weil nicht jeder Lehrer kann auf allen Gebieten exzellent sein. Manchmal ist es vielleicht besser, wenn man eine hochwertige Ausstattung hat und mit großem Display und gutem Sound Dinge gemacht werden oder — noch besser — interaktives Lernmaterial zur Verfügung stellt, in dem die Kinder aktiv über VR oder Ähnliches eingreifen können. Es darf nicht der Dauerzustand sein, dass wir unsere Kinder in etwas stecken, in dem es keine menschliche Kommunikation gibt. Das wäre eine Katastrophe, aber in der Woche jeden Tag eine Stunde zu sagen: Da gehen wir an diese Systeme heran und lernen, wie der menschliche Körper funktioniert in einer besseren Art und Weise, als es ein Lehrer mir jetzt hier zeigen kann. Es ist immer die Mischung und ich glaube, ihr merkt, ich will die Persönlichkeit breit ausbilden, weil die Zukunft so ungewiss ist.
Ich kann jetzt nicht wie früher sagen: „Mache Mathematik. Die werden gesucht.“ Oder: „Physiker ist etwas für die nächsten Jahre.“ Das gab es ja so. Das war wirklich absehbar. Es tut mir leid, aber das wird es so nicht mehr geben. Ich kann dir keinen Beruf nennen, den es in den nächsten 100 Jahren noch gibt. — Außer vielleicht Geschichtenerzähler. Ich glaube Geschichtenerzähler werden bleiben, weil das der Computer nicht kann. Ich weiß, auch das kann die künstliche Intelligenz, aber ich glaube, da wird der Computer noch bleiben. Aber es gibt so wenige Dinge, bei denen ich dir sagen kann, was in Zukunft unser Leben bestimmt.
Meine letzte Frage wäre bezüglich eines Stichworts, das du bereits gegeben hast: VR. Ich persönlich glaube, dass VR einen sehr hohen Impact auf die Menschheit haben wird, weil es so viele dieser Menschheitsträume von Zeitreise bis wo auch immer hin, möglich machen wird und dass Leute auch sehr viel Zeit in VR verbringen werden. Wo siehst du da die Potenziale und Risiken für Bildung in so einer Technologie oder glaubst du, dass VR nicht so durchstarten wird?
Ich muss sagen, da bin ich unsicher. Dass die Blockchain kommt und Daten, die dort vorhanden sind, gespeichert werden, dass die künstliche Intelligenz kommt, dass Roboter kommen usw. — Da bin ich mir 100 Prozent sicher, dass alles so kommen wird. VR kann ich dir nicht sagen. Es ist heutzutage noch komisch eine VR-Brille aufzusetzen und davon Kopfschmerzen zu bekommen. Da ist die Frage, kriegen wir die Technik so gut und seamless hin, dass ich wirklich vergesse, dass ich diese Brille gerade trage und einfach zwei Stunden durch ein Opernhaus laufen oder in die Steinzeit gehen und sie erleben kann? Das glaube ich schon. Wahrscheinlich wird das so sein.
Überlege mal: Da erlebt zum Beispiel ein Kind die Steinzeit und je nach dem, wie weit sie dieses System entwickeln, können die sogar mit Steinzeitmenschen interagieren. Ich meine, mit so einem Kind willst du eher über die Steinzeit sprechen als mit jemandem, der nur platt Bücher gelesen hat, weil er wirklich etwas darüber erzählen kann. Du hast die 100 teuersten Experten aus diesem Bereich, die sich in einem Team zusammenfügen, welches viel Geld hat, um genau einmal diesen Content so zu bauen. Das wird millionenfach ausgespielt und ist dadurch eine sehr, sehr hohe Investition. Im Grunde genommen ja ähnlich, wie heutzutage ein Hollywood-Blockbuster, ein James Bond Film oder so etwas. Der ist ja deshalb so toll, weil da einfach ein unendlich großes Budget vorhanden war. Wenn wir das in die Bildung kriegen, wäre das der Hammer. Von daher glaube ich das schon. Gerade im Bildungsbereich ist das ein guter Punkt: Ich habe mich einmal gefragt, wo der große Durchbruch beim VR ist, außer beim Thelen imitiert ein Piepsgeräusch. Der Bereich ist sehr groß. Da machen wir alle drei Ausrufezeichen dran. — Jetzt zur Frage Bildung: Bildung ist gut, weil da können wir auf einmal in sehr kurzer Zeit, sehr kompetente, sehr intensive, sehr immersive Bildung hereinbringen.
Meine letzte Frage auf der EduCouch ist immer eine Nicht-Frage, und zwar die Aufforderung: Was wäre dir denn noch wichtig auf dieser Couch zu sagen zum Großthema Bildung? Gibt es eine Message, die du noch nicht losgeworden bist und die du gerne noch loswerden würdest?
Ihr müsst euch trauen dieses Thema aufzubrechen. Das Leben verändert sich so stark und schnell. Ihr habt die Verantwortung für die Kinder, dass es einfach nicht in Ordnung ist heute noch Latein- und Frontalunterricht zu machen. Ich weiß, es fehlt oftmals das Geld. Aktiviert die Eltern. Es gibt gute Fördermöglichkeiten auch vom Staat, die oftmals nicht abgerufen werden. Lieber Rektoren, liebe Lehrer: Ihr seid so wichtig für diese Welt, weil ihr die Zukunft bildet. Traut euch mehr zu und wenn ein Experiment mal schief geht, dann ist das so, aber versucht dennoch die Schule aktiv und progressiv neu zu gestalten.
von Institut fuer digitales Lernen | Nov 22, 2018
Das Interview führten Florian Lange und Benjamin Heinz.
Du beschäftigst dich ja viel mit Internetthemen. Deswegen würden wir jetzt einfach mal so zum Einstieg wissen wollen: Was ist denn gerade dein aktuelles Lieblingsmeme oder Lieblingsinternetphänomen? Hast du da gerade was?
Dirk von Gehlen: Muss es ein lustiges Internetphänomen sein oder kann es auch was Seriöses sein?
Darf auch was Seriöses sein.
Ich mag gerade wieder ein sehr sehr, sehr altes Internetphänomen, nämlich den RSS-Feed, sehr. Ich habe so das Gefühl, dass seit Anfang des Jahres diese Form von Notifikation über Neuerungen auf einmal wieder, zumindest in meiner Filterblase, an Fahrt aufnimmt. Und das würde mich sehr freuen, weil das eine sehr alte Idee des dezentral verbreiteten Internets wiederaufleben lässt, die wir vielleicht so ein bisschen vor lauter Facebook und Wallet Gardens vergessen haben. Also, meine Antwort wäre RSS.
Nächste Frage: Das Smartphone ist unser treuer Begleiter und auch ein wichtiges Werkzeug für unsere Arbeit, aber auch für unseren Alltag, den wir damit gestalten. An manchen Schulen ist das Smartphone verboten. Was würdest du sagen, wie ist deine Haltung zum Smartphone im Unterricht?
Ich glaube, dass das Smartphone das Symbol für den digitalen Wandel geworden ist. Das liegt zum einen daran, dass wir alles auf dem Smartphone natürlich tun können. Das ist dieses berühmte Schweizer Taschenmesserbild. Es liegt aber zum anderen auch daran, dass es ebenso total greifbar und präsent ist, dass man alles darauf projizieren kann. Das gibt es tatsächlich total selten, dass gesellschaftlich technische Innovationen so klar greifbar auf ein Produkt fokussierbar sind. Damit ist das Smartphone zum perfekten Streitgegenstand geworden. Es gibt auch sehr bekannte Buchautoren, die es mit Nikotinsucht vergleichen und deswegen hat irgendwie jeder eine Meinung dazu.
Ich habe letztes Jahr ein Lob auf das Smartphone gesungen auf einem Kongress, weil ich finde, dass die Diskussion über Smartphones sehr in diesem „Oh, gefährlich und da muss man aufpassen!“-Ductus geführt wird. Das ist mir so ein bisschen auf die Nerven gegangen. Ich will kurz erklären, warum es mir auf die Nerven geht. Schicke aber vorweg, dass ich verstehen kann, dass es Zusammenhänge gibt, in denen ein Smartphone ausgeschaltet sein soll. Ich habe gerade mein Smartphone ausgeschaltet, weil ich auf der EduCouch Platz genommen habe. Und da möchte ich mich jetzt mit euch beiden unterhalten und nicht parallel mit jemand anderes telefonieren oder irgendwas anderes tun. Das gleiche gilt selbstverständlich auch für den Unterricht. Also diese Debatte muss man natürlich nicht führen, dass wenn man etwas tut, man sich darauf konzentrieren sollte und Ablenkung dann da keine Rolle spielt im Unterricht.
Gleichwohl, und jetzt komme ich auf das Positivum, lernen wir Instrumente nur dann zu bedienen, wenn wir damit umgehen lernen. Also, es gibt diese berühmte These, Malcom Gladwell hat die populär gemacht, dass, wenn man 10.000 Stunden etwas tut, dann ist man darin total gut. Das ist eine, glaube ich, nicht zu diskutierende Grundidee, dass, wenn ich etwas häufiger tue, ich dann besser werde. Also müsste man möglichst früh anfangen mit dem Smartphone als Instrument umgehen zu lernen. Und deswegen bin ich der Meinung, mit dem Smartphone umzugehen müsste Bestandteil der schulischen Bildung werden. Warum ist das bisher nicht der Fall? Weil das Smartphone als Symbol für Digitalisierung uns sehr schön vor Augen führt, dass die Generation der Lehrer nicht schlauer ist als die Generation der Schüler, weil die Lehrer nämlich auch nicht wissen, wie man mit dem Smartphone gut umgeht. Die lernen das gerade alle zusammen.
Und ich finde, das wäre so eine intellektuelle Redlichkeit das anzuerkennen. Zu sagen, wir kommen mit dem Smartphone nicht so gut klar. Wir müssen das gerade lernen. Lasst uns das gemeinsam tun, was tatsächlich total gut funktioniert, auch wenn man das Schülern zum Beispiel sagt. Es gibt so ein Projekt namens „Digitalhelden“ — Sehr, sehr tolles Projekt, in dem Tutoren, ältere Schüler, jüngeren Schülern Umgang mit dem Smartphone beibringen. Sowas finde ich total super. Deswegen meine jetzt sehr lange Antwort kurz zusammengefasst. Ich finde, Smartphone-Umgang müsste unterrichtet werden. Nicht nur für Schüler, sondern für die gesamte Gesellschaft.
Da bin ich genau auf deiner Linie. Vor allem habe ich so das Gefühl, wenn ich das nicht nutze, weiß ich auch nicht, wann ich es ausschalten muss. Das heißt, um so öfter ich es nutze, habe ich auch häufig das Gefühl, jetzt ist es unpassend, weil ich in dem Moment irgendwie ein komisches Gefühl habe, und dann packe ich es weg. Aber, wenn ich es im Vorhinein verbiete, lerne ich auch nicht, wann verbinde ich mein Smartphone und wann nicht.
Der zweite ist das ein Verbot? Wie macht man eine Sache interessant, in dem man sie verbietet? Also, man kann es in der Geschichte der Prohibition und in allen Sachen nachvollziehen. Wenn ich mich auflehnen will gegen die Regeln, dann breche ich sie. Und in einer Welt, in der Schülerinnen und Schüler zu einem Großteil sagen, ihre Vorbilder sind ihre Eltern, kann man sich am besten auflehnen, indem man zum Beispiel Smartphones benutzt, weil die Eltern sagen, „Das ist aber gefährlich“ und „Passt doch auf“. Also, wenn man das verbietet, dann mystifiziert man das Produkt oder das Instrument Smartphone noch viel mehr. Und ich halte das für gefährlich, weil, das Ziel muss digitale Souveränität sein. Also im Umgang mit digitalen Technologien müssen wir Menschen so souverän machen, dass sie nicht von Angst getrieben werden, sondern von dem Gestaltungswillen. Und ich habe das in diesem Talk zusammengefasst mit der Forderung, wir sollten aufhören die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen und dahinkommen, die Hoffnungen der Menschen ernst zu nehmen. Also, welche Hoffnung verbinden wir mit diesem Smartphone als, sozusagen, pars pro toto gesprochen. Welche Hoffnungen verbinden wir mit der Digitalisierung? Lasst uns darüber reden und nicht immer nur über die Sorgen, die wir rund um den technischen Fortschritt haben.
Wir bleiben mal bei dem Thema Souveränität und Schule. Du hast einen tollen Blog namens „Digitale Notizen“. Und du hast darin vor kurzem einen sehr spannenden Artikel geschrieben. Da ging es um Demokratie als Muskel. Wenn wir jetzt sagen: In der Schule sind wir auch deswegen, also um Schüler fit zu machen für die Demokratie. Das heißt, man braucht dann auch Workouts für die Demokratie. Was wäre denn, wenn du jetzt Sportlehrer wärest an der Schule? Was wäre denn dein optimales Workout für die Schüler, damit sie in der Demokratie mündige Bürger werden?
Ich glaube, meine Antwort beinhaltet zwei Teile. Der erste Teil ist, warum ich dieses Bild mit dem Muskel überhaupt gewählt habe. Weil, in meiner Wahrnehmung wir gerade eine Diskussion haben, dass die Leute ganz oft sagen, dieses Aufkommen der rechten Bewegungen, die AfD im Bundestag, der Brexit, die rechtsnationalen Bewegungen in Europa, Trump, all das ist eine totale Bedrohung für die Demokratie. Und das wird häufig in so einem fatalistischen Tonfall erzählt. Und das ist mir so ein bisschen auf den Keks gegangen, weil ich finde das auch nicht gut. Aber, ich würde daraus nie den Schluss ziehen, dass jetzt die Welt untergeht.
Ich habe ein bisschen so eine Abneigung ohnehin gegen Kulturpessimismus, weil ich den immer für sehr ärgerlich halte und häufig für nicht zielführend. In dem konkreten Fall lenkt er sogar von etwas ab, nämlich von der Grundidee, das Demokratie darauf basiert, dass man aushält, das es andere Meinungen gibt. Und ich glaube, dass die Tatsache, dass es jetzt andere Meinungen gibt – rechtnationale Meinungen, Meinungen, die ich persönlich für total falsch halte – allein das zeigt nicht eine Krise der Demokratie, sondern im Gegenteil, es ist eine Herausforderung. Es ist wie eine sportliche Belastung für einen Muskel. Und das Interessante ist, dass, wenn man irgendeine Form von Sport regelmäßiger macht, besser dabei wird. Das liegt zum einen daran, dass man die Fähigkeiten ja lernt, aber das andere ist, dass die Muskeln stärker werden unter Belastung. Natürlich wohl dosiert und auch da gilt es, das anzupassen und ein richtiges Mittel zu finden. Aber das Entscheidende meiner Endstation dabei ist, die Herausforderung für den Muskel heißt noch lange nicht, dass der Muskel dadurch kaputtgeht oder nicht mehr funktioniert.
Die wichtigste Übung, die ich in die Schule als sagen wir mal, demokratischer Sportlehrer einbringen würde, besteht aus zwei Workouts. Das erste ist, sich die Frage zu stellen: Was bedeutet denn Demokratie? Und meiner Meinung nach bedeutet Demokratie das, was wir selbst in der Schule gelernt haben: Die Herrschaft des Volkes. Man wählt Vertreter. Der entscheidende Faktor drückt sich aber, meiner Meinung nach, darin aus, dass man eine andere Meinung aushalten kann. Dass man also sagt, ich habe die Meinung A und ihr habt die Meinung B und trotzdem reden wir miteinander. Und das ist, sozusagen, schon mal das Erste, also Aushalten wäre so ein bisschen die Fitnessvariante. Und das Zweite als tatsächliche Übung wäre Meinungswechsel. Das klingt erst einmal total blöd, weil in der medialen Wahrnehmung, wenn ein Politiker die Meinung wechselt, dann sagen immer alle, oh, das sind Umfaller und auf den kann man sich nicht verlassen.
“Ich finde aber das Besondere an der Demokratie ist, dass sie uns die Möglichkeit einräumt, unsere Meinung zu ändern.” — Dirk von Gehlen
Drehhofer.
Drehhofer. Oder: „Martin Schulz hat seine Meinung geändert nach der Wahl. Ah, auf den kann man sich nicht verlassen. Was für ein komischer, irrlichtender Typ und so.“ Ich finde aber das Besondere an der Demokratie ist, dass sie uns die Möglichkeit einräumt, unsere Meinung zu ändern. In autoritären Systemen kann jeder auch eine Meinung haben, nämlich die des Diktators. Das ist überhaupt kein Problem. Da hat man auch Meinungsfreiheit. Du hast die Freiheit, meine Meinung anzunehmen. Das Tolle ist, in der wirklichen, freien, pluralen Demokratie, kann ich sagen „Hey, ich habe mich geirrt“. Ich habe jetzt eine neue, eine andere Meinung. Und es ist kein Problem. Ich muss nicht mit Sanktionen rechnen.
Das heißt, die zweiteilige Übung für den demokratischen Fitnessunterricht, Toleranz dem anderen Gegenüber und zum Zweiten, die Fähigkeit zum Meinungswechsel. Sich die Frage stellen, wann habe ich eigentlich selber das letzte Mal meine Meinung geändert? Denn die Meinung ist nichts, was an mir klebt wie ein unveränderliches Zeichen, sondern ich kann meine Meinung ändern, weil die Idee von Demokratie ein Wettstreit der Ideen ist. Und wenn ich eine bessere Idee höre, dann bin ich vielleicht anderer Meinung. Da sind wir übrigens, kurze Fußnote, bei dem, was wir so im Silicon Valley und in der Digitalkultur Fail Culture nennen. Die Bereitschaft, mal einen Fehler einzugestehen. Und einen Fehler kann man nur dann eingestehen, wenn man sagt „Okay, ich bin jetzt schlauer“. Also, ich habe da vielleicht meine Position, meine Meinung geändert.
Also, wenn wir es im Sportübergang zusammenfassen könnte man sagen plank für Aushalten und für Meinungändern Kopfstand oder so.
Ja, ich glaube, Kopfstand ist gut. Ein Perspektivwechsel. Also, aus der anderen Perspektive draufgucken und nicht einfach nur Recht zu haben. Viele Leute glauben, Demokratie und der Artikel Fünf, Recht auf freie Meinungsäußerung, heißt, dass man seine Meinung sagen darf. Das Spannende ist aber, aus der anderen Perspektive darauf zu gucken. Es so ein schönes Zitat von Hans Georg Gadamer, der gesagt hat: „Bildung ist die Fähigkeit, eine Sache aus einer anderen Perspektive anzuschauen.“ Und das wäre etwas, was ich mir wünschen würde, wenn das in Schulen tatsächlich gelehrt würde. Ich formuliere das mal so, weil eben Forderungen an Schulen immer so formuliert werden, das müssen die machen. Ich habe das tatsächlich in der Schule gelernt. Das war für mich ein ganz wichtiger Bestandteil, dass mir in der Schule die Fähigkeit, zumindest zu Teilen beigebracht wurde, Sachen auszuhalten und andere Perspektiven einzunehmen. Und in der Polarisierung, die wir jetzt vielleicht in der Gesellschaft erleben, geht uns das so ein bisschen verloren. Deswegen finde ich es so wichtig, sich so ein bisschen daran zu erinnern. Zu sagen, meine Meinung ist nur eine unter Vielen. Die andere ist auch möglich, die kann ich deswegen für falsch halten, aber ich akzeptiere, dass sie möglich ist.

Dirk von Gehlen — Foto: Hauke Bendt
Thema Gelassenheit auch oder Aushalten: Es gibt ein Bild, was du gerne benutzt oder ein Emoticon, kein Bild. das heißt Emoticon. Und dein Lieblingsemoticon ist der Shruggie. Also Shruggie, gleich noch einmal zur Erklärung, ist ein achselzuckendes Emoticon und ist ein Prinzip für dich für Gelassenheit und Pragmatismus im Netz. Und auch ein Werkzeug gegen Panik und Hysterie, die zum Beispiel in Social Media häufig aufkommt. Könntest du mal erklären, warum ist das ein Prinzip und was hat das mit dem Shruggie zu tun?
Ich habe schon vor einer gewissen Ewigkeit — das ist fünf, sechs Jahre her — irgendwo im Netz die Behauptung gehört, der Shruggie, also dieses schulterzuckende Emoticon, sei der Ausdruck für ein deaf rolled Internetfeeling, also, sozusagen, das Symbol für das Online sein. Und dieses Bild fand ich irgendwie total gut und das habe so immer mit mir rumgeschleppt und habe dann irgendwann gedacht, ja, das stimmt. Also, in dem wie der Shruggie ist, also in diesem schulterzuckenden, in dem manchmal auch ein bisschen distanzierten, in dem, ich formuliere das in der Haltung, was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre, da steckt etwas drin, was mit diesem Online sein, mit der Digitalisierung zusammenhängt.
Lustigerweise gibt es da eben eine Parallele zu der Demokratiehaltung, weil der Shruggie, sozusagen, immer im Perspektivwechsel, sozusagen, dazu inspiriert oder inspirieren möchte. Ich habe also diese These dagehabt und dann habe ich gemerkt, irgendwie finde ich immer mehr Beispiele dafür, die aus dieser Haltung einzahlen. Es gibt diese berühmte, ich weiß nicht, ob es bekannt ist, die Wookah Welt. Also die Welt der Unsicherheit, der Volatilität, der sich schnell verändernden Umstände. Es gibt Führungsmethoden wie Scrum und Agile Methoden, die auch nicht mehr auf eine klare Linie und einen führenden Chef setzen, sondern Verantwortung teilen und gemeinsame Strukturen suchen. Es gibt diese gesamte New Work-Bewegung. Und all das hatte immer was von dem, was ich im Shruggie erkannt habe. Und dann habe im Piper Verlag einen Verlag gefunden, der diese etwas absurde Idee auch gut fand, nämlich zu sagen, wir schauen aus den Augen eines Emoticons auf die sich immer schneller verändernde Welt. So ist das Buch „Das Pragmatismusprinzip“ entstanden, wo der Shruggie Titelheld ist und der taucht auch in dem Buch, sozusagen auf, schreibt da ein Vorwort und versucht, sowas- Sascha Lobo hat das, da habe ich mich sehr darüber gefreut nachher, den Ansatz einer ersten Emoji Philosophie genannt.
Ich versuche damit, sozusagen, so eine Haltung auf die Welt sichtbar zu machen, die vielleicht mit dieser digitalen Überforderung einhergeht, die wir alle haben. Die Haltung vom Shruggie ist ein Ratgeber zur Ratlosigkeit zu sein. Also Ratlosigkeit und Überforderung nicht als Problem zu sehen, sondern sich damit zu arrangieren und etwas an den Tag zu legen, was Christoph Kucklick, Chefredakteur von Geo und Autor, mal über Überforderungsbewältigungskompetenz genannt hat. Also die Fähigkeit mit der Überforderung umzugehen und sich von der Überforderung nicht blind machen zu lassen. Sich von den Sorgen, die man vielleicht auch hat oder den Ängsten vor der unsicheren Zukunft nicht blind machen zu lassen, sondern Hoffnung zu transportieren und zu sagen, durch mein Dazutun kann die Welt besser werden. Und das ist die Haltung, die der Shruggie zwischen Pessimisten und Optimisten an den Tag legt. Dass er sich diesem, es ist ohnehin alles vorbestimmt, widersetzt und sagt, ich selber kann Zukunft mitgestalten Zukunft ist immer ungewiss gewesen. Das ist die Idee von Zukunft und ich kann durch mein Zutun dazu beitragen, dass sie besser oder schlechter wird. Und das finde ich, ist eine Haltung, die wir vielleicht häufiger an den Tag legen sollten. Aber auch das, ich bin niemand, der jetzt sagt, dass müssen alle so tun, mit einem schulterzuckenden, fröhlichen Blick, den der Shruggie eben auch an den Tag legt.
Bei diesem Shruggie-Prinzip gab es ja auch begleitend Blogbeiträge und ein Podcast, in dem ja auch immer die Frage im Raum stand: Was würde Shruggie tun? Und ich bin mir sicher, da wurden ganz viele Fragen von sehr seriös bis sehr absurd an euch herangetragen. Hast du da so ein, zwei Favoriten vielleicht?
Ich fand tatsächlich die vermeintlich Absurden besonders gut. Das hat mir persönlich total viel Spaß gemacht. Und ich fand Podcasts super. Ich habe die gerne gehört und dann wollte ich mal wissen, wie das eigentlich selber geht und habe mit dem super Kollegen Yannic Hannebohn jemanden gefunden, der auch Bock hatte, das mit mir und dem Shruggie zu machen. Und dann haben wir das einfach mal ausprobiert. Da haben wir ganz tolle Fragen gekriegt.
Eine, die mir sehr gefallen hat, bezog sich aufs Bahnfahren und ob das Bahnfahren gut oder schlecht ist. Es klingt ja erst einmal nach so einer absurden Frage, was sollen wir jetzt über das Bahnfahren reden? Ich finde das Bahnfahren ist so ein schönes Beispiel für so buy issuses. Also für so Prägungen, die man so mit sich trägt. Alle sind sich relativ schnell einig darüber, dass die Bahn ja irgendwie ein blödes Verkehrsmittel ist und ja immer zu spät kommt. Da gibt es so ein großes Lamento über das Bahnfahren. Und ich bin persönlich großer Bahn-Fan und der Shruggie hat das, glaube ich, sozusagen genutzt und hat dann gesagt: „Ja, schau doch mal aus einer anderen Perspektive darauf. Vielleicht ist das ja gerade super, was alle immer blöd finden.“ Also genau die Haltung „Was wäre, wenn das Gegenteil richtig wäre?“.
Und eine zweite Frage, die mir in Erinnerung geblieben ist, war, ich glaube sinngemäß „War ich eigentlich wirklich im Urlaub, wenn ich keine Fotos auf Instagram von meinem Urlaub gemacht habe?“. Und der Shruggie hat dann gesagt, das Fotografieren ist vielleicht ein Verstärken des Genusses. Das fand ich deswegen auch gut, weil es auch ein bisschen gegen den Strich gebürstet war, weil man ja sofort, wenn man auf einer Party ist, sind sich ja alle sofort einig „Also das Fotografieren von Essen und das Posten auf Instagram ist ja irgendwie absurd“. Also ich zum Beispiel kenne persönlich niemanden der von sich sagt „Ey, ich bin begeisterter Foodblogger und ich poste ständig mein Essen auf Instagram“. Wenn jemand es macht, macht er es immer mit so einer ironischen Distanzierung. Und der Shruggie hat aber gesagt „Hey, vielleicht ist es ja viel geiler, sein Essen nicht einfach nur zu genießen, sondern den Genuss auch noch zu dokumentieren“. Das gleiche gilt für den Urlaub. Nicht einfach nur in Urlaub zu fahren, sondern zu sagen, hey, das ist hier so super, ich fotografiere das. Auch, wenn das Foto nachher natürlich viel schlechter ist als das wirkliche Erleben, hat der Vorgang des Fotografierens so ein Gefühl von überhöhen und aufwerten. Lustigerweise habe ich dann danach eine Studie gelesen, die das irgendwie auch bestätigt hat. Der Shruggie hatte das offenbar vorweggenommen.
Der Trick ist natürlich, der bürstet Sachen gegen den Mainstream, gegen das, von dem man dachte „Das ist meine Wahrheit“. Und ich glaube, dass man dafür offenbleiben muss. Um es auf mich zu übertragen: Ich habe am Anfang dieses Lob auf das Smartphone gesungen. Natürlich muss ich mich selber immer auch fragen: „Verrenne ich mich nicht in irgendwas?“. Also, stimmt es denn was ich sage oder gibt es nicht in der gegenteiligen Meinung auch Punkte, die richtig sind? Ich werde den Namen Manfred Spitzer jetzt hier nicht sagen, aber es gibt Autoren, die ich einfach nicht gut finde, und ich zwinge mich dann dazu, deren Perspektive einzunehmen, einfach aus der Haltung heraus. Wir haben es gerade mit der Demokratie gehabt, aber auch eben um darauf zu gucken aus einer anderen Haltung. Und das kann jeder für sich selber tun. Und das ist dann auch eine demokratische Fitnessübung. Und der Shruggie ist dann, wenn man so will, der Fitnesstrainer dafür.
Alles klar. Bevor wir den Shruggie verlassen, um uns noch anderen Themen zuzuwenden, noch eine Detailfrage. Es gibt ja Emoticons und Emojis. Lange, lange gab es nur Emoticons und irgendwann, also aus Satzzeichen zusammengesetzt, und irgendwann kamen dann die Emojis, vorgemalte, vorgefertigte Bilder auf. Fast überall haben die Emojis die Emoticons verdrängt, aber der Shruggie stemmt sich ja so ein bisschen gegen den Trend. Hast du da eine Erklärung dafür? Also, es gibt ihn erst sehr kurz als Emoji. Ich habe mich so ein bisschen jetzt dann auch eben damit beschäftigt. Ich habe sogar kurz überlegt, man kann beim Unicode Konsortium auch Pâté eines Emojis werden. Ist das kostenpflichtig?
Das kostet relativ viel Geld. Ich habe dann überlegt, ob man da ein Crowdfunding machen kann. Die Basisversion kostet, glaube ich, 5.000 Dollar oder so. Das fand ich dann absurd, weil, und das wäre vielleicht eine Antwort auf deine Frage, der Shruggie ist ja – Also, ich habe ihn der Shruggie genannt, aber in der Emoticon Fassung ist er ja geschlechtslos. Und in der Emoji Fassung ist er ein Mann und eine Frau. Und es gibt ihn als halben Shruggie, wo jemand, sozusagen, nur einen Arm und eine Schulter zuckt, und das dröselt das so auf. Und geht die Stärke des Emoticons, glaube ich, so ein bisschen verloren. – Das Problem ist natürlich, man muss ihn sich irgendwie copy-pasted irgendwo hinlegen, weil das in der Mitte das ist ein Katakana-Alphabet-Zeichen aus dem Japanischen. Das hat man halt nicht auf der Tastatur. Deswegen muss man den, sozusagen, vorhalten. Ich habe ihn extra auf der Seite shruggie.de. Da kann man ihn sich dann immer kopieren. Da liegt dann das Buch und so und da kann man ihn copy-paste. Und ich habe ihn im Handy natürlich mit so einem Kurzbefehl, weil ich ihn sehr oft brauche.
Du hast es auch gerade schon angesprochen: Crowdfunding. Damit hast du dich ja auch schon des Öfteren beschäftigt. Du hast selber erfolgreiche Crowdfunding-Kampagnen hinter dir, auch welche, die vielleicht nicht ganz geklappt haben, was ja, wie du sagst, Teil des ganzen Prinzips ist, dass es auch mal nicht gelingen kann. Wie stehst du jetzt aktuell zu Crowdfunding? Du hast das gerade schon angesprochen. Neue Kampagne, um Pâté zu werden für ein Emoji. Hast du vielleicht noch andere Pläne gerade oder wie sieht es da aus?
Also, der Yannic und ich haben jetzt gerade für den Podcast „Was würde der Shruggie tun?“ versucht ein Crowdfunding zu machen. Das ist nicht erfolgreich gewesen. Ich glaube aus dem banalen Grund, dass wir den Podcast schon gemacht haben und dann gesagt haben, jetzt wollen wir ein Crowdfunding dafür machen. Das haben die Leute, glaube ich, zu Recht nicht verstanden, aber wir haben das abgeschlossen mit der Aussage, dass wir vielleicht irgendwann doch noch einmal zurückkommen.
Wir wollten ja ein Zehn-Jahres-Crowdfunding machen. Das war vielleicht auch ungewöhnlich, dass für zehn Euro – ich finde es immer noch einen Superdeal – zehn Folgen hätte bekommen können. Also pro Folge ein Euro und bis ins Jahr 2028. Weil der Shruggie eben auch so – das klingt erst weit weg – die Perspektive ändern wollte. Wir haben das dann nicht ganz zusammengekriegt. Das fand ich war aber eben überhaupt kein Problem, weil das finde ich immer noch das Tolle am Crowdfunding. Es ist die Möglichkeit, auf offener Bühne zu scheitern. Und wenn man das nicht eingeht, dann macht man, meiner Meinung nach, kein richtiges Crowdfunding, sondern macht halt eine Marketingvariante von einer Vorfinanzierung für etwas. Und da gibt es ja auch Leute, die das dann so machen. Und wir hätten ja auch einfach selber irgendeinen Betrag noch einmal einzahlen können und dann schafft man es knapp und so.
“Crowdfunding ist die Möglichkeit, auf offener Bühne zu scheitern. Und wenn man das nicht eingeht, dann macht man, meiner Meinung nach, kein richtiges Crowdfunding, sondern macht halt eine Marketingvariante von einer Vorfinanzierung für etwas.” — Dirk von Gehlen
Ich finde, das Scheitern gehört total dazu. Ich halte das auch für völlig unproblematisch. Ich sage das auch gerne und laut, hört euch gerne den Podcast an „Was würde der Shruggie tun?“, aber das Crowdfunding ist jetzt erst einmal gescheitert. Ich habe kein konkretes anderes Projekt gerade in Petto, wo ich sage: „Da will ich jetzt Crowdfunding für machen“ Ich finde das System aber noch total super. Und zwar die Grundidee, dass ein Inhalteproduzent oder überhaupt ein Produzent im direkten Austausch mit dem Konsumenten oder mit dem, der früher mal der passive Konsument war und heute sich mit beteiligen kann, dass dieser direkte Austausch zu einer kreativen Schöpfung führen kann. Das finde ich immer noch total super.
Und es ist ja nicht ausgeschlossen, dass es nochmal eine Runde gibt oder sowas.
Total. Und, wie gesagt, ich versuche immer dazuzulernen. Ich habe auf jeden Fall ganz viel gelernt aus diesem vermeintlich gescheiterten Crowdfunding. Das ist ja ganz oft so, dass man bei Sachen, die nicht funktioniert haben, mehr lernt. Also, wenn man als Kind Fahrrad fahren lernt, ist der Moment wo man hinfällt, der ist natürlich extrem schmerzhaft, aber der ist total wichtig. Weil, wenn man nie hinfällt, dann weiß man auch nicht, wie man damit umgehen soll. Das klingt jetzt so neunmalklug, weil, wenn man hinfällt, tut es dann trotzdem weh. Die Phase haben wir jetzt zum Glück hinter uns.
“Das Internet ist ja total eine Multi-Kulti-Aktion. Das Internet verbindet völlig heterogene Systeme miteinander. Du hast einen Mac, du hast ein Linux System, ich habe Windows 7, was auch immer, keine Ahnung. Und trotzdem können die alle miteinander kommunizieren. Das ist, sozusagen, in seiner Grundidee das Gegenteil von diesen homogenen Nationalstaatsgedanken.” — Dirk von Gehlen
Noch ein Projekt, das wir ganz spannend fanden, was wir gesehen haben. Du planst einen Brauchtumsverein für Menschen zu gründen, die sagen, meine Heimat ist das Internet. Kannst du das auch noch einmal so kurz umreißen, was dahintersteckt und wie da so die Resonanz ist?
Ich hatte irgendwann die Idee und mit dem Aufkommen der AfD und den Rechtsnationalen in Europa, die ja lustigerweise ganz viel im Internet machen. Und das Internet ist ja total eine Multi-Kulti-Aktion. Das Internet verbindet völlig heterogene Systeme miteinander. Du hast einen Mac, du hast ein Linux System, ich habe Windows 7, was auch immer, keine Ahnung. Und trotzdem können die alle miteinander kommunizieren. Das ist, sozusagen, in seiner Grundidee das Gegenteil von diesen homogenen Nationalstaatsgedanken. Nur Deutsche, nur Serben, nur was auch immer.
Also, die Idee vom Internet ist per se multi-kulti. Und dass es das Internet gibt, ist der Beweis, dass multi-kulti und Diversität wertvoller ist als Homogenität und Gleichheit sind, also dass Pluralismus funktionieren kann. Das eine war, ich kenne ganz viele Leute, die haben sowas wie Brauchtum und Heimat, obwohl sie nicht an einem Ort sind. Und die Idee von Heimat ist klassischerweise immer an einen Ort gebunden. Die Leute treffen sich in irgendwelchen Videoschalten oder skypen oder chatten oder was auch immer und haben da Sachen, die früher Leute am Stammtisch an einem Ort hatten und das haben sie nur wegen des Internets. Und dann war die Idee: Könnte man nicht so tun, als wäre das Internet auch ein Heimatort? Und der zweite Gedanke war, damit würde man sofort die Diskussion über Heimat und Nationalismus hacken, weil man eine andere Perspektive darauf hat. Das ist irre schwierig und viele Leute sagen, das gelingt sowieso nicht diesen Begriff zu ändern, weil, der ist einfach rechtsnational besetzt und so. Ich bin da eher optimistisch oder kann mir vorstellen, dass es klappt. Weil, als das Familienministerium gegründet wurde, war der Begriff Familie auch ein anderer als er heute war. Da dachte man auch Vater, Mutter, Kind ist Familie. Heute wissen wir, dass sehr viel mehr möglich ist.
Das habe ich so vor eineinhalb Jahren, zwei Jahren mal in meinen Blog geschrieben und dann habe ich ein relativ gutes Feedback gekriegt. Es haben sich so 500 Leute in eine Liste eingetragen. Und ich bin gerade in einer Phase, in der wir diese Idee sehr konkret machen, weil man diesen Verein ja einfach gründen kann, aber ich wollte, dass der nicht so verpufft. Ich will ja noch nicht zu viel verraten. Wir sind aber so kurz davor, jetzt tatsächlich daraus eine Idee zu machen, die im besten Sinne einer digitalen Idee dann noch skalierbar sein kann. Also, wer sich dafür interessiert, das jetzt hört: Tragt euch in die Liste ein. Es wird in den nächsten Wochen eine Idee kommen, die ich total super fand und immer noch finde. Ich habe sie sehr guten Freunden von mir erzählt und die haben gesagt, du machst dich total lächerlich. Ich glaube aber, sie wird super.
Momentan gibt es da so einen Siegeszug von kurzen Miniformaten. Sei es jetzt dieses 15-Sekunden-Instagram, WhatsApp, Facebook Stories oder auch die schon länger existierenden Twitter Kurzgeschichten. Ihr habt darüber bei der Süddeutschen die Langstrecke irgendwie ins Leben gerufen. Also lange Texte, lange Reportagen. Warum habt ihr das gemacht und wie läuft das?
Wir haben die lustiger Weise sogar auch über Crowdfunding damals gestartet. Das ist ein Projekt, dass ich hier mit zu verantworten hatte hier in der SZ. Ich habe festgestellt, dass viele Leute, mit denen ich gut befreundet bin, die SZ mögen, aber dann doch die tollen Geschichten, die da manchmal drinstehen nicht gefunden haben. Und dann haben wir vor, ich glaube, mittlerweile drei oder dreieinhalb Jahren intern eine Diskussion angefangen darüber, dieses Format der Longreads auch im Haus noch einmal neu zu bewerten. Und daraus ist dann etwas entstanden, eine vierteljährliche Publikation, die alle langen Lesestücke aus der SZ bemüht. Also Interviews, Essays, Reportagen, lange Texte, die nicht nur Nachrichten sind, sondern wir haben das über den Tag hinausreichen genannt und die man auch nach ein paar Wochen noch gerne lesen möchte. Das versuchen wir im Netz zu begleiten mit dem Hashtag Langstrecke, wo wir auf besonders gute, lange Lesestücke hinweisen. Und man kann das auch einmal im Quartal am Kiosk kaufen als gedrucktes, hochwertiges Printmagazin. Kann man auch abonnieren. Und es ist so ein Zugang zu SZ Inhalten für alle die Leute, die jetzt nicht jeden Tag die SZ lesen können oder wollen, weil es ihnen zu viel ist oder so. Da kann man auf jeden Fall einsteigen und, wie ich finde, ganz, ganz tollen Journalismus auf eine tolle Art lesen. Das sind fast schon literarische Texte. Und wenn man so will ist es, sozusagen, das Gegenangebot zu dieser Kurzkultur auf Twitter, Insta Stories, was du da alles beschrieben hast. Ich bin ein riesiger Fan von Twitter. Ich finde das super. Und ich finde es eigentlich super mit dem Hashtag Langstrecke diese beiden Welten zusammenzuführen. Ich freue mich immer, wenn jemand eine Leseempfehlung mit dem Hashtag versieht.
Wir haben ja schon öfter darüber gesprochen: Fan von GIFs, von Internet-Memes, von Internet-Phänomen. Findest du, es sollte ein Fach Social Media in der Schule geben und vielleicht, wie sieht dazu Curriculum dazu aus?
Ich bin total dafür, dass es ein Internetministerium gibt, weil ich finde diese Themen müssen auf Ebene des Ministeriums behandelt werden. Was die Schule angeht, glaube ich mittlerweile, dass es gut wäre, diese Themen, auch was du gerade mit Social Media, mit Netzkultur und so ansprichst, zum Bestandteil der bestehenden Unterrichtsfächer zu machen. Ich glaube, dass das langfristig erfolgreicher ist als quasi so eine Ghettoisierung. Da gibt es dann das Digitalfach. Das macht dann der Herr soundso. Ach, der ist krank, dann fällt es aus. Ich glaube, dass es eher in Fächer wie Deutsch und Geschichte gehört. Da ist heute schon das Thema Umgang mit Medien ein wichtiges Thema. Also das gehört da rein, aber nicht als eigenes Schulfach.
Und deine Frage „Was wäre das Curriculum?“ beantworte ich mit einem Beispiel. Damit bin ich manchmal tatsächlich auch an der Schule. Ich habe mit zwei Freunden nach dem Amoklauf in München ein Projekt gestartet, das heißt gegen-die-panik.de. Es ist ein Hashtag vor allen Dingen, unter dem wir einfache Regeln bündeln, wie man sich in Breaking News Situationen zu verhalten hat. Das speist sich daraus, dass wir in dieser Paniksituation in München nach dem Amoklauf am OEZ selber in München waren und mitgekriegt haben, wie sich hier Panik verbreitet hat. Ich weiß nicht, wer die Geschichte kennt? Eine Frau hat sich das Bein gebrochen, weil sie im Hofbräuhaus aus dem Fenster gesprungen ist vor lauter Panik, weil sie dachte, da wird geschossen. Da gibt es auch eine ganz tolle PR-Dokumentation namens „Stadt in Angst“, wo man das noch einmal so anschauen kann, wie die Stadt eine durch Social Media, eigentlich WhatsApp-Gruppen, angefachte Panikwelle in den Ausnahmezustand gekommen ist. Und wir haben danach dann aufgeschrieben, was man eigentlich tun kann, um sich dagegen zu wappnen. Damit gehe ich sogar manchmal in Schulen, weil ich festgestellt habe oder Lehrer mir oft gesagt haben, sie wissen nicht was man tun soll, und dass doch ein ganz guter Diskussionsansatz ist.
Jetzt sage ich nicht, dass genau das eins zu eins in den Unterricht gehören würde, aber die Frage, wie verhalte ich mich in solchen Situationen, welche Inhalte teile ich, wie gehe ich auch mit bewussten Falschmeldungen um? Das gehört in jeden Fall in so ein Fach. Ich glaube, das würde in Deutsch gut funktionieren. Was in so ein Fach gehört, ist, die Frage zu beantworten: „Warum ist Facebook kostenlos?“ Und sich damit beschäftigen, dass es darum geht Daten zu erheben und was Facebook mit den Daten macht? Das kann man gut oder schlecht finden, aber erst einmal geht es darum, das zu transportieren und das im Unterricht klar zu machen. Also, die Lebensrealität junger Menschen im Umgang mit dem Digitalen in den Unterricht zu holen und einzuholen. Ich sage einmal das schlimme Wort, dass glaube ich, auf der EduCouch immer gesagt wird: Medienkompetenz.
Kommt man nicht drum herum.
Das muss man sagen. Das ist quasi auf der Couch wichtig. Nein, aber bei allem Spaß: Ich glaube, es ist ein total wichtiges Buzzword. Medienkompetenz gehört in den Unterricht. Und das ist meiner Einschätzung nach in fast allen Bundesländern steht es eh im Lehrplan in Deutsch und ist aber mehr als, wie gehe ich mit einer Zeitung um. Das gehört auch dazu, aber es geht eben auch darum, ich werde zu einem Publizisten, wenn ich mich im Netz bewege. Und sei es nur, dass ich in meine WhatsApp-Gruppe irgendwas reinposte. Auch das hat eine Wirkung. Darüber muss ich mir Gedanken machen.
Vielen Dank bis hierin. Bevor wir dich jetzt mit einem Ausblick auf dein nächstes Buchprojekt entlassen haben wir noch eine kleine Abschluss-Challenge, wo wir uns gemeinsam mit dir durchwagen wollen. Wir wollen uns noch einmal an den Shruggie wagen. Da haben wir uns drei aktuelle Themen ausgesucht, wo wir mal gerne mit dir ausprobieren würden: „Was würde denn der Shruggie tun?“
Sehr gut. Eine Sonderrunde „Was würde der Shruggie tun?“.
Es geht los mit „Söder macht es“.
Ganz aktuell. Vorgeschichte weiß jeder. Die CSU hat die Flanke offen gelassen, die SPD hat es genutzt und hat „Söder macht es“ ins Netz gestellt. Ja, was ist die Frage?
Was würde der Shruggie tun?
Anstelle von Söder, anstelle von der SPD, oder?
Ich würde jetzt tatsächlich mal direkt auf Söder und die CSU gehen.
Anstelle der CSU, ja. Sofort eingestehen: „War ein Fehler. Hätten wir selber diese Seite machen müssen. Super Hinweis, wir brauchen die Opposition, aber umsetzen können wir es am besten alleine.“ Das wäre eine wahnsinnig souveräne, coole Sache, hätte sofort den Wind aus den Segeln genommen. Dann selber noch so rum zu drucksen und zu sagen, da war aber ein Tippfehler auf eurer Seite, das wirkte wahnsinnig unsouverän. Ich glaube, Souveränität ist im Umgang mit digitalen Medien entscheidend und in dem Fall war das, wie die CSU reagiert hat, nicht so souverän, wie man sich das für einen Ministerpräsidenten wünschen würde, finde ich. Zeigt vielleicht einerseits, dass da die Nerven ein bisschen blank liegen, dass die SPD tatsächlich da einen Punkt mit hatte. Es zeigt andererseits aber auch, das muss man dazu auch noch sagen, das würde der Shruggie jetzt auch antworten: Im letzten Wahlkampf, als ja Herr Seehofer kandidierte, war Drehhofer ein Projekt von den Grünen und von der SPD. Das hat aber auch nichts geändert. Die CSU hat trotzdem die absolute Mehrheit bekommen. Ich glaube, man darf dann seine eigene Wahrnehmung auch nicht überbewerten. Das ist wahrscheinlich nicht entscheidend für die Wahl in Bayern. Der Shruggie würde dem Ministerpräsident da zu mehr Souveränität raten.
#Pegizei?
Aus welcher Perspektive?
Ich würde sagen LKA Sachsen.
Da würde der Shruggie sagen: Das LKA Sachsen sollte sich als allererstes Mal um seine internen Probleme kümmern und über die Social Media-Strategie nachdenken. Die Social Media-Strategie ist ja so was wie das Schaufenster von einem Geschäft. Und wenn man ein schönes Schaufenster haben möchte, wäre es toll, wenn man ein gutes Geschäft hat. Also, wenn man erst einmal seine Probleme löst, ergibt sich daraus oft auch eine sehr gute Social Media-Strategie. Deswegen würde der Shruggie zum Pegizei sagen, vielleicht erst einmal gucken, dass da alles wieder in Ordnung ist.
Und zum Abschluss, das ist ein sehr großes Thema. Vielleicht kann der Shruggie das auch nicht beantworten, weil noch keiner hat eine perfekte Antwort darauf gefunden, zum Klimawandel. Wie steht der Shruggie dazu wenn man sagt: „Ich lese die ganze Zeit oder höre die ganze Zeit Klimawandel, alles geht den Bach runter. Was mache ich jetzt?“
Der Shruggie würde vor allen Dingen vor dem Fatalismus warnen. Beim Klimawandel ist dieser Fatalismus natürlich, gerade jetzt, weil es so heiß war und so, das ist jetzt alles, auch für Skeptiker, glaube ich, ziemlich sichtbar geworden im letzten Sommer. Der Shruggie würde sagen: Ja, das sieht echt nicht gut aus. Und wir haben echt eine ganze Menge Mist gebaut und es ist auch erkennbar, gerade das auf politischer Ebene das nicht sichtbar besser wird. Gleichwohl lohnt es sich weiter für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Es gibt ganz oft sogenannte Schwarzer Fan-Effekte, wo Sachen sich dann irgendwann ändern und Sachen passieren, die wir heute noch nicht absehen können. Auf die sollte man nicht hoffen, aber man soll sich darüber bewusst sein, dass das passieren kann. Also, vielleicht wird irgendwann eine technologische Möglichkeit da sein, CO² tatsächlich technologisch abzubauen.
Da gibt es ja so ein paar Ansätze. Ob die sinnvoll sind, weiß ich gar nicht zu beurteilen. Aber vielleicht gibt es irgendwann einen Beitrag, den wir heute noch nicht kennen, der die Situation verändert und sie nicht so fatal erscheinen lässt, wie sie gerade ist. Und obwohl sie so fatal ist, lohnt es sich trotzdem, mehr mit Fahrrad als mit dem Auto zu fahren, lohnt es sich trotzdem mehr mit dem Zug zu fahren als zu fliegen. Also lohnt es sich trotzdem, diese Sachen zu tun, von denen wir ja lustigerweise alle wissen, dass es dem Klima helfen würde, wenn wir weniger Fleisch essen. Trotzdem macht an jeder Ecke ein Burgerladen auf. So, das ist ja irgendwie komisch. Und der Shruggie würde schulterzuckend sagen, das muss man beides aushalten und trotzdem dafür arbeiten. Der Begriff ist Ambiguitätstoleranz. Also nicht darauf hoffen, dass auf einmal alles hundert Prozent schwarz oder weiß ist, sondern mit den Graustufen umgehen zu lernen. Auch wenn man das Gefühl hat, es nützt doch eh nichts, trotzdem sich versuchen klimagerechter zu verhalten.

Dirk von Gehlen – “Gebrauchsanweisung für das Internet” (PIPER Verlag)
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