Philippe Wampfler – Digitale Medien im Deutschunterricht
Das Interview führte Veronika Obermeier.
Wir freuen uns heute einen ganz besonderen Gast aus der Schweiz bei uns zu haben: Philippe Wampfler. Ich weiß gar nicht, Philippe, wo ich anfangen soll bei deinen Tätigkeiten. Du bist Lehrer, Dozent, Autor, Blogger, Interviewpartner und Stimme der neuen Digitalen Medien und des neuen Lernens. Habe ich das so richtig formuliert?
Philippe Wampfler: Also ich verstehe mich hauptsächlich als Lehrer, aber natürlich dokumentiere ich auch vieles von dem, was ich mache, im Netz und versuche, mich da mit Leuten auszutauschen, um auch Einblicke in andere Praktiken und neue Ideen zu bekommen. Es ist für mich eine große Chance, im Netz mit so vielen Leuten in Verbindung zu stehen, Dinge wahrzunehmen und Überlegungen anstellen zu können. Das war vorher viel schwieriger oder in diesem Setting gar nicht denkbar.
Ich arbeite an einem multimedialen Deutschlehrwerk. Und zu Beginn dieser Arbeit habe ich mich gefragt, was denn meine Vision des perfekten Deutschunterrichtes wäre, ohne Beschränkungen oder Hindernisse. Was wäre denn deine Vision, wie sollte der Deutschunterricht ausschauen?
Zunächst einmal müsste er sich ein bisschen stärker auf Kultur im Allgemeinen beziehen. Sprache wird in ganz verschiedenen Settings eingesetzt, häufig jetzt auch in Verbindung mit Bildern, zum Beispiel bewegten Bildern und gesprochener Sprache im Netz. Der Deutschunterricht bezieht sich noch zu stark auf eine ganz traditionelle Form der Belletristik und der Literaturproduktion. Da würde ich mir eine Erweiterung wünschen und dann auch, dass man die multimedialen Möglichkeiten, die jedes Smartphone oder Tablet bietet, auch wirklich umfassend nutzt. Also zum Beispiel, dass man Texte spricht oder Bilder zu dem Geschriebenen hinzufügt. Ich glaube, das wäre eine Entwicklungsschiene, die ich bevorzugen würde.
Und dann denke ich, dass sich der Deutschunterricht stärker auf das Lernen der Kinder oder Jugendlichen beziehen müsste. So, dass man nicht von der Lehrperson aus dem Unterricht lenkt, sondern von den Lernschritten her. Denn weshalb sollten alle gleichzeitig am gleichen Text oder am gleichen Thema arbeiten, wenn es ganz unterschiedliche Interessen und Lernbedürfnisse gibt? Im Deutschunterricht sieht man da ein großes Dilemma. Sehr oft hört man, dass die Jungs ein bisschen vergessen werden. Also dass man Texte liest, die besonders für Schülerinnen attraktiv sind, dafür aber weniger für die Jungen oder die jungen Männer. Die werden davon etwas abgeschreckt und denken „Das ist eigentlich nichts für mich“. Könnte man den Unterricht individualisieren, gäbe es viel mehr Möglichkeiten, die Motivation höher zu halten.
Hat sich denn das Lesen oder das, was Schüler oder junge Leute an Lesen lernen müssen, verändert? Wandelt sich das gerade?
Ja. Einerseits muss man immer noch, um wirklich Fachperson auf einem Gebiet zu werden, lange differenzierte und schwierige Texte lesen können. Das hat sich nicht verändert. Wer wirklich gut lesen kann, kann auch all die Texte lesen, die schon vor 50 Jahren bedeutsam waren. Aber das Lesen im Alltag ist ein anderes geworden. Es ist weniger linear, hat viele Sprünge und steht auch immer in Konkurrenz zu anderen Angeboten. Das verändert natürlich die ganze Aufmerksamkeitsstruktur, da muss der Deutschunterricht auch ein bisschen Rücksicht nehmen, da das Kinder sind, die ganz anders aufgewachsen und vor allem mit anderen Medien groß geworden sind.
Ich habe kürzlich bei einer Tagung, nachdem es am Anfang so diese Grußworte gab, erklärt, dass die Aufmerksamkeit bei Netflix eigentlich so ist, dass man das Intro überspringen kann. Das heißt das Langweilige am Anfang kann man überspringen, also könnte man auch diese Begrüßungsphase überspringen und einfach sagen „Ja, jetzt legt mal los“. Das ist eine Anekdote, aber es ist gleichzeitig auch Ernst. Man wird trainiert, hat schon so und so viele Folgen gesehen und schon so und so oft Skip gedrückt, hat also eine gewisse Kontrolle darüber. Die eigene Aufmerksamkeit passt sich daran an und das überträgt sich dann natürlich auch auf den Deutschunterricht. Das sollte berücksichtigt werden, aber auf der anderen Seite sollte dem natürlich auch etwas gegengesteuert werden. Es sollten Anreize geschaffen, damit man auch mal etwas länger an einem Text bleibt. Ich denke, es ist einfach ein Training nötig, um auch an furchtbar langen Texten dranzubleiben und nicht gleich aufzugeben. Man muss doch auch irgendwie mehr leisten, sich auch etwas überwinden und Geduld haben, das kann sich auch lohnen. So etwas zu vermitteln, das scheint mir schon wichtig zu sein.

Philippe Wampfler: “Ich finde wichtig, dass man nicht denkt ‘So wie ich schreibe oder lese, so müssen es auch die Kinder und Jugendlichen machen, weil das richtig ist’, sondern dass man merkt: ‘Ich mache es auf eine Art und es gibt andere Arten’ Und wenn man das ändert, sieht man auch die ganz neuen Formen.” — Foto: Miguel Kratzer/watson
Ich habe so den Eindruck, wenn man mit Kollegen oder auch Nicht-Kollegen spricht, dann sagen alle: „Es wird alles viel schlechter, die Jugend kann schlechter lesen und schreiben und sie können sich nicht mehr konzentrieren“ Bei dir höre ich jetzt heraus, dass du weniger pessimistisch bist, sondern nur eine Veränderung siehst, die beides erfordert. Man muss noch so wie früher die gedruckten Texte lesen und damit umgehen können, aber man muss sich auch in dem Neuen bewegen können. Betrifft das auch das Schreiben?
Ja. Ich finde wichtig, dass man nicht denkt „So wie ich schreibe oder lese, so müssen es auch die Kinder und Jugendlichen machen, weil das richtig ist“, sondern dass man merkt: „Ich mache es auf eine Art und es gibt andere Arten“ Und wenn man das ändert, sieht man auch die ganz neuen Formen. Beim Schreiben gibt es diesen Satz von einem amerikanischen Schreibdidaktiker der sagt, dass junge Menschen noch nie so viel geschrieben haben wie heute. Das ändert sich jetzt gerade, auch weil diese Chatprogramme natürlich auch immer stärker visuell und mit gesprochenen Texten operieren, aber man muss gleichzeitig gut chatten können. Das heißt, um sozial erfolgreich zu sein muss man heute über sehr gute Schreibkompetenzen verfügen. Nur sind diese Schreibkompetenzen immer informell und das Schreiben an der Schule ist in formellen Kontexten.
Es gibt zum Beispiel so eine große Studie, bei der Kindern Tierfilme gezeigt wurden und dann mussten sie beschreiben, was sie dort sehen. Das wurde in den 70er Jahren gemacht und dann zwei Mal mit 10 Jahren Abstand. Und dann hat man festgestellt, dass die Kinder heute viel schlechter schreiben. Und mit einem kritischen Blick darauf stellt man fest: In den 70ern haben die Schüler die Schule einfach als viel stärker formales Setting begriffen und haben gewusst, wenn unser Lehrer sagt „Ihr müsst jetzt etwas schreiben“ dann müssen wir es auf die Art schreiben, wie wir in der Schule immer schreiben. Und heute, wenn da jemand kommt und einen Tierfilm abspielt, dann denken sie, dass das ein bisschen Freizeit oder mal etwas lockerer ist und sie dann auch etwas lockerer schreiben können. Und das bedeutet, das Schreiben ist auch immer ganz stark an Normen, an Erwartungen von einem Zielpublikum gebunden. Und dann muss man sich auch überlegen: Wer liest diese Texte, wenn wir in der Schule schreiben? Schreiben wir für jemanden und was sollen die bewirken? Und was sind auch zeitgemäße Kontexte? Mit klassischer Aufsatzlehre kann man die Leute heute nicht mehr abholen. Da gibt es einfach viel mehr Möglichkeiten als diese Art von Schreibdidaktik.
Da stimme ich dir vollkommen zu. Du hast ja auch viel über deinen neuen Literaturbegriff für den Deutschunterricht geschrieben und beschäftigst dich auch viel mit Computerspielen und was sie für den Deutschunterricht bedeuten können. Kannst du das einmal genauer erklären?
Ja. Gestern habe ich ein Gespräch ausgehend von einer ethischen Frage geführt. Und zwar gibt es eine Formulierung des kategorischen Imperativs bei Kant, die sagt, man soll Menschen immer nur als Ziel oder Zweck einer Handlung betrachten und nicht als Mittel. Also man darf Menschen nicht instrumentalisieren, sondern wenn man handelt, muss man für die Menschen handeln und nicht mit den Menschen. Man kann das im Alltag auch sehr gut sehen und recht gut ethische Problem darauf anwenden, aber bei Computerspielen dagegen ist das so: Ich bin in einem Spiel drin, da sind andere Akteure. Menschen, die da eine Rolle spielen und ich benutze sie nur um das Spielziel zu erreichen. Man kann sich also fragen, ob das ethisch soweit korrekt ist.
“Online-Videospiele sind etwas, was zunehmend den Alltag von jungen Menschen bestimmt, und es ist auch eine Art von Literacy, also von Lesefähigkeit, dass man sich in diesen Spielen zurechtfindet.” — Philippe Wampfler
Noch stärker ist es dann bei diesen Multiplayer-Spielen, in denen ich eigentlich mit anderen Menschen zusammenspiele. Da gibt es das sogenannte „Flaming“. Das heißt: Ich spiele mit einer Gruppe und wir versuchen ein Ziel zu erreichen. Wenn wir dieses Ziel gemeinsam nicht erreichen, dann beschimpfe ich die anderen aufs Übelste. Und das sind schon recht junge Kinder, die das so erleben. Teilweise sagen mir 12- oder 13-Jährige: „Ja das ist halt so. So macht man das halt. Das muss ich eben ertragen“ Und jetzt scheint mir das etwas zu sein, wo die Schule auch die Aufgabe hat diese ethisch-moralische Fragen zu stellen. Was ist das für ein Verhältnis, was du mit diesen Mitspielern hast? Was passiert da auch sprachlich? Was macht das mit dir? Stumpfst du ab oder ist das etwas, was du wirklich ertragen kannst? Dafür ein Verständnis zu entwickeln und zu sehen, wie diese Computerspiele als Texte funktionieren, was für Geschichten sie erzählen, was für Sinnzusammenhänge sie herstellen, das scheint mir schon sehr wichtig zu sein. Und es ist etwas, was zunehmend den Alltag von jungen Menschen bestimmt, und es ist auch eine Art von Literacy, also von Lesefähigkeit, dass man sich in diesen Spielen zurechtfindet. Dann einfach zu sagen „Ja ich spiele jetzt als Lehrer nicht besonders gern“ oder „Ich interessiere mich nicht so dafür“ scheint mir dann kein ganz zulässiges Argument zu sein, um sich diesen Fragen einfach zu verweigern.

Foto: Tra Nguyen
Also wäre ein erster Schritt, dass sich die Lehrer überhaupt einmal öffnen und sich mal anschauen, was denn die Schüler da überhaupt so tun. Und wenn sie selbst keine Netflix Serien schauen, dass sie sich mal die literarische Struktur einer solchen Serien angucken. Wie kriegen wir denn die Lehrer dazu?
Ich glaube ein einfaches Instrument ist es, zu sagen: „Jetzt machen wir einmal Weiterbildung andersrum, jetzt sagt mir mal was ihr so spielt“ Also dass man ja so eine Projektwoche oder so einen speziellen Halbtag machen kann und sie ihre Playstation mitbringen und zeigen, was sie so spielen und dann erklären, was man da machen muss. Das gibt dann auch gleich den Schülerinnen und Schülern eine gewisse Verantwortung und da kann man natürlich auch eine Gruppe aus dem Kollegium zusammenholen. Das ist dann natürlich nicht der Schulalltag, sondern soll einfach zeigen, dass man sich dafür interessiert und das ernstnimmt. Und viele Lehrerinnen und Lehrer erleben das bei den eigenen Kindern mit. Das ist meist so ein Schritt, bei dem sie zuerst „Ich habe damit gar nichts zu tun“ und dann plötzlich „Meine Kinder spielen das jetzt auch, ich verstehe jetzt so langsam wie das geht“ sagen.
Ich glaube, das müsste etwas systematischer passieren. Natürlich gibt es viele Stimmen, die sagen, der Umgang mit digitalen Texten müssen stärker auch in der Lehrausbildung verankert werden. Das hängt dann natürlich wieder stark an der technischen Ausstattung der Schule. Wenn ich sage “Ich habe hier ein Schulzimmer, aber es ist unmöglich, dass wir dort irgendein Computerspiel anschauen”, dann verhallt so meine Forderung natürlich ein bisschen in den fehlenden Möglichkeiten. Insofern braucht es halt schon verschiedene Voraussetzungen wie zum Beispiel Lehrausbildung, systematische Ausbildung oder Ausstattung der Schule. Und dann auch die Bereitschaft, einen Dialog mit den Schülerinnen und Schülern zu führen, damit das überhaupt möglich wird.
Also das ist jetzt eher ein Plädoyer, dass alle Lehrer sich mit dieser Thematik auseinandersetzen sollen und es nicht damit getan ist, dass man Informatik zum Pflichtfach macht?
Nein, absolut nicht. Also ich spreche jetzt mal über den Deutschunterricht, aber das gilt natürlich auch für den Geschichtsunterricht, da gibt es auch viele Zugänge über Computerspiele, zum Beispiel wenn ich in einem Computerspiel erlebe, wie ein System, eine Gesellschaft zusammen mit der Wirtschaft und der Politik funktioniert und was so historische Veränderungen bedeuten. Dasselbe gilt dann natürlich auch für Biologie, dass ich mir solche Dinge wirklich auch intensiv vor Augen halten kann, aber ich würde jetzt sagen, dass das bei der Kultur oder bei der Textarbeit das die wesentlichste Veränderung ist. Man geht im Deutschunterricht noch stark davon aus, dass der Roman eigentlich die dominante Form ist eine Erzählung zu präsentieren, und das ist einfach seit 20 Jahren nicht mehr wahr. Vor 20 Jahren ist die Serie als hauptsächliche Erzählform aufgekommen und vor 10 Jahren wurde sie sicher abgelöst durch das Computerspiel. Die meisten Leute schauen oder erleben Erzählungen in dieser Form. Und das dann einfach auszublenden und zu sagen „Ja das ist irgendwie nicht hoch genug für mich, um als Kultur zu gelten. Obwohl ich mich gar nicht auskenne, was eigentlich diese Computerspiele erzählen“ ist eine sehr ignorante Position, die aber trotzdem viele Leute vertreten. Und ich glaube, es braucht gar nicht so viel um die Bereitschaft auch zu wecken, sich damit einmal auseinanderzusetzen und sich das anzusehen.
“Man geht im Deutschunterricht noch stark davon aus, dass der Roman eigentlich die dominante Form ist eine Erzählung zu präsentieren, und das ist einfach seit 20 Jahren nicht mehr wahr. Vor 20 Jahren ist die Serie als hauptsächliche Erzählform aufgekommen und vor 10 Jahren wurde sie sicher abgelöst durch das Computerspiel.” — Philippe Wampfler
Du hast ja auch einmal Elemente aus Computerspielen, die man für das Lernen insgesamt nutzen könnte, beschrieben. Da fand ich auch sehr spannend, dass man die Intros zu Computerspielen auf das Lernen übertragen könnte. Ich habe mir überlegt wie das im Deutschunterricht gehen könnte, bin aber auf nichts Konkretes gekommen. Hast du da eine Idee dazu oder hast du es sogar schon einmal ausprobiert?
Ja. Vielleicht noch ein anderes Beispiel: Diese Computerspiele, das ist ja ein knallharter Markt. Es kostet recht viel, ein Computerspiel zu machen, und dann muss man es so vermarkten, dass das Geld wieder reinkommt. Viele Computerspiele schaffen das nicht und dann überlegen sich die Entwickler: Wie schaffen wir es, dass die User länger dranbleiben oder dass man das besser monetarisieren kann? Da führen die Spiele zum Beispiel so ein Drei-Sterne-System ein. Wenn man ein Level geschafft hat, kriegt man einen Stern, und wenn man es perfekt geschafft hat, drei Sterne. Dann sehen sie aufgrund der Nutzerdaten, dass sobald sie das Drei-Sterne-System haben, die Leute viel stärker bereit sind, zurückzugehen und etwas noch einmal genauer anzusehen. Und wenn man jetzt an so ein digitales Schulbuch denkt und sagt „Du hast eine Lerneinheit und jetzt kannst du die mal durcharbeiten. Und je nachdem wieviel Zeit du damit verbringst oder was für Lernprodukte du herstellst, dann kriegst du vielleicht einen Stern, du hast es gemacht, das ist okay. Aber du könntest auch drei Sterne kriegen, wenn du noch das und das machen würdest.“ Und dann kann man davon ausgehen, wenn das so gestaltet ist, dass die Lernenden wie einen Anreiz haben noch einmal zurückzugehen und an Dingen zu feilen, mit denen sie sonst einfach schnell zufrieden sind. Also dass man, so wie etwas gemacht ist, einfach ein bestimmtes Verhalten auslöst.
Das ist das Eine und das Zweite ist, dass man bei diesen Spielen nicht immer am Anfang groß erklärt bekommt, wozu oder wie man das macht, sondern man lässt die Erklärungen weg und macht einfach mal. Und ich glaube, das könnte auch für den Unterricht eine Bereicherung sein, einfach zu sagen „Wir starten gleich so in das Thema rein und wir schauen einmal was ihr jetzt damit macht“. So, dass es nicht so überdidaktisiert wird, im Sinne von “Ich habe ein Arbeitsblatt, da steht jetzt ein Gedicht drauf und unten drei Leitfragen und es gibt schon Platz um etwas hinzuschreiben”, sondern einfach mal zu sagen “Hier ist ein Gedicht und jetzt mach mal etwas damit”. Und wer eine Zeichnung machen will, der macht eine Zeichnung.
Das passt ja auch gut zu deiner Vorstellung einer agilen Didaktik. Weg von der geplanten Didaktik, die genaue Fragen hat, egal was die Schüler für Probleme oder Interessen zu dem Thema haben. Wie kann ich mir das in der Praxis vorstellen. Wenn ein Lehrer eine Unterrichtsstunde vorbereitet, haben viele glaube ich einfach Angst davor, sich einfach mal ins Ungewisse zu stürzen und zu sagen „Naja, da fällt mir dann schon etwas ein“ oder „Da habe ich dann vielleicht schon etwas dabei, das passen könnte.“ Wie könnten wir ihnen da die Angst nehmen?
Also einerseits kann man ja sagen, dass Leute, die ihr Referendariat machen, ganz bestimmte Rahmenvorgaben haben. Dass sie in diesen Lektionen, die dann auch prüfungsrelevant sind, häufig Unterrichtspläne machen müssen und auch dafür bewertet werden. Aber erfahrene Lehrkräfte unterrichten gar nicht mehr so, sie kommen nie auf die Idee zu sagen „Ich mache mir jetzt mal einen schönen Unterrichtsplan“. Und das allein könnte einen ja schon ein bisschen ins Grübeln bringen: Weshalb erwartet man von jungen Leuten das, was die Fachleute nie machen? Also solche Pläne schreiben, das ist so wie die Ausgangsidee. Und natürlich braucht es einen gewissen Mut und es braucht eine Kultur. Dass man davon ausgehen kann, dass sie einem auch sagt wie das bei ihr ankommt, was für sie Lernformen sind und was weniger. Und wie man eine Kultur schafft, das ist noch schwierig anzuleiten.
Das sind kleine Schritte und es braucht natürlich immer wieder Gesprächsangebote. Am Ende der Lektion oder der Stunde frage ich mal die Klasse, wie das heute war. Hat es das gebracht, machen wir das das nächste Mal wieder so oder sollen wir es anders machen? Und dann einfach mal so drei, vier Stimmen hören. Also dass klar ist: Ihr seid auch ein bisschen dafür verantwortlich was hier läuft und ich bin auch bereit, mich umzustellen und wirklich auch deutlich zu machen, dass daskein Lippenbekenntnis ist und ich nur frage, damit ich mal gefragt habe, sondern, dass wir es ändern, wenn sie sagen „Née, machen wir mal lieber etwas anderes“. Zum Beispiel: Ich finde Diktate sind didaktisch komplett überholt. Ich habe nur ältere Schülerinnen und Schüler am Gymnasium und trotzdem habe ich eine Klasse, die das unbedingt gewünscht hat. Die wollten ein Diktat machen. Dann habe ich einfach zwei Wochen später ein Diktat gemacht und überlegt: Was könnt ihr lernen bei dem Diktat, was wollt ihr lernen? Wir machen nicht einfach irgendwie ein Diktat, sondern es soll etwas bringen und dann haben wir es besprochen und geplant. Also agile Didaktik heißt nicht, ich plane gar nichts oder ich bringe nichts mit, aber ich weiß vielleicht am Anfang noch nicht was in den letzten 15 Minuten geschieht. Je nachdem kommt vielleicht eine Frage auf, die so interessant ist, dass wir einfach die Zeit brauchen, und dann will ich nicht die Lektion künstlich schließen.
Am Ende unseres Gesprächs, wenn ich es mir so überlege, haben wir jetzt weniger über irgendwelche Apps oder konkrete digitale Arbeitsmittel gesprochen, sondern ganz viel über eine neue Art des Lernens an Schulen. Bist du zufrieden damit oder hättest du gerne mehr technische Fragen bekommen?
Nein. Also wenn man von diesen Ansichten, die ich jetzt betont habe, zusammenfasse: Man sollte den Textbegriff etwas ausweiten, die digitale Kultur allgemein in den Blick nehmen und mal sagen „Ja, wir haben diese digitalen Möglichkeiten und wir schauen uns einmal an, was machen denn die Kinder und Jugendlichen in der Freizeit“. Und der dritte Punkt wäre, dass man so ein bisschen agiler wird in der ganzen didaktischen Gestaltung. Wenn man das betrachtet, dann, denke ich, entdeckt man die Tools selbst, die dann für einen funktionieren. Und ich bin nicht so ein Fan davon, den Leuten Rezepte zu geben und zu sagen „Macht jetzt das, macht jetzt das“, sondern man merkt dann einfach, was funktioniert.
Eine Erkenntnis, die sehr häufig auftritt, ist, wenn man Lehrvideos macht, ist, dass man denkt „Ich mache jetzt ein cooles Video und erkläre mal etwas“, und wenn man das oft genug gemacht hat merkt man: Eigentlich ist es wie wenn ich vor der Klasse stehe und etwas erkläre, nur schlechter. Weil ich nicht sehe wie die reagieren, sondern ich muss es vorher schon aufnehmen. Und dann merkt man: Eigentlich wäre es cool, die Schülerinnen und Schüler würden die Videos machen. Weil immer, wenn ich die Videos mache, lerne ich enorm viel dabei. Also machen sie die Videos und das sind eigentlich nicht Lehrvideos, sondern es sind Lernvideos. Und dabei merkt man: Ich brauche ein Tool, mit dem auf Smartphone oder Tablet so ein knackiges 120 Sekunden Video machen können, um etwas zu erklären. Welches Tool das dann ist, das hängt immer noch davon ab, was in meinem Bundesland gemacht werden darf oder was schon installiert ist. Aber das spielt gar nicht so eine große Rolle, sondern wichtig ist, dass ich eine Idee habe was sie machen könnten. Und das sind für mich dann immer eher die sehr niederschwelligen Tools, bei denen man nicht viele Daten sammelt, wo man sich vielleicht gar nicht erst einloggen muss und sehr schnell loslegen kann. Und davon gibt es zum Glück ganz viele.

