Geschich­te mit drei Strei­fen — Das adi­das Archiv in Her­zo­gen­au­rach

Geschich­te mit drei Strei­fen — Das adi­das Archiv in Her­zo­gen­au­rach

Tor, Tor, Tor, Deutsch­land ist Welt­meis­ter! Jubel­ru­fe auf den Rän­gen, pure Exta­se vor den Fern­seh­schir­men, Fuß­ball­pro­fis, die sich vor Freu­de in den Armen lie­gen. Weni­ge sport­li­che Momen­te sind der­art emo­tio­nal wie der Sieg einer Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft.

Doch die Jubel­ru­fe ver­stum­men irgend­wann, das Sta­di­on ist wie­der leer. Was bleibt, sind die Objek­te des End­spiels, der Ball, die Sport­schu­he, die Tri­kots.

Die Aura die­ser Objek­te haben Sport­ar­ti­kel­her­stel­ler wie Adi­das ver­stan­den und machen sich daher auch ihren emo­tio­nal-his­to­ri­schen Wert zunut­ze. “Histo­ry Manage­ment” nennt sich die Abtei­lung der Adi­das-Fir­men­zen­tra­le in Her­zo­gen­au­rach, in der man mit Sport­ge­schich­te und ihrem Wert umgeht. Mit Hil­fe der Sport­ob­jek­te wer­den his­to­ri­sche Nar­ra­tio­nen gestal­tet. Doch wie genau und mit wel­chen Mit­teln lässt sich Geschich­te in einem öko­no­mi­schen Kon­text erzäh­len?

Um eine Ant­wort auf die­se Fra­gen zu bekom­men, mach­te sich das Insti­tuts-Team auf den Weg nach Her­zo­gen­au­rach, um sich mit dem Histo­ry Com­mu­ni­ca­ti­on Mana­ger von Adi­das, Dr. Mar­tin Geb­hardt, zu tref­fen. Mar­tin war bereits im Janu­ar Refe­rent der IdL-Tagung, ‘Geschich­te und digi­ta­le Medi­en’ und hat­te dabei das Web­pro­jekt, “adi­das archi­ve” vor­ge­stellt. Hier fin­det sich der Mit­schnitt sei­nes Vor­trags. 

Ziel des Histo­ry Manage­ments bei Adi­das ist es, die Geschich­te des Unter­neh­mens zu erfor­schen, zu bewah­ren, aus­zu­stel­len und damit für Inter­es­sier­te erfahr­bar zu machen. Geschich­te fun­giert hier­bei immer auch als (indi­rek­tes) Ent­wick­lungs- und Mar­ke­ting­in­stru­ment. Das Histo­ry Manage­ment bei Adi­das betreibt neben dem erwähn­ten Web­pro­jekt “adi­das archi­ve” ein Fir­men­ar­chiv und eine unter­neh­mens­in­ter­ne Aus­stel­lung, die sich an Mit­ar­bei­ter, Geschäfts­part­ner und Ath­le­ten rich­tet. Das Team des Histo­ry Manage­ments besteht aus His­to­ri­kern, Museo­lo­gen, Archi­va­ren sowie Mar­ke­ting­ex­per­ten.

1. Die Aus­stel­lung
Die Aus­stel­lung ver­läuft inner­halb eines lan­gen, tun­nel­ar­ti­gen Auf­gangs, der in drei the­ma­ti­sche Berei­che geglie­dert ist. Jeder Bereich stellt mit aus­ge­wähl­ten Objek­ten aus der Adi­das-His­to­rie eine beson­de­re Unter­neh­mens­kom­pe­tenz dar.

Im ers­ten Teil der Aus­stel­lung geht es berg­auf: “The Ascent”.

Im ers­ten Teil der Aus­stel­lung arbei­tet Adi­das ins­be­son­de­re mit Objek­ten der Mar­ken­ge­schich­te. Ein Bei­spiel einer sol­chen Insze­nie­rung ist die Ent­wick­lung des moder­nen Berg­stie­fels, der sich in den ver­gan­ge­nen 50 Jah­ren in punk­to Design und Mate­ri­al erheb­lich ver­än­dert hat. Wäh­rend er in den 1950er Jah­ren noch mas­sig und schwer war, ent­wi­ckel­te er sich in den 1980er Jah­ren zum Leicht­ge­wicht. Heu­te legt man das Haupt­au­gen­merk auf die Ver­bin­dung von Sicher­heit und Kom­fort: Schu­he als Aus­druck gesell­schaft­li­cher Bedürf­nis­se, indi­vi­du­el­ler Ansprü­che und tech­ni­scher Ent­wick­lun­gen.

Nach die­sem Bereich der Aus­stel­lung erreicht man eine licht­durch­flu­te­te Flä­che. Hier wird, gleich­sam schwe­bend, die aktu­el­le Kol­lek­ti­on prä­sen­tiert: Die Gegen­wart hat den Besu­cher wie­der.

Prä­sen­ta­ti­on der aktu­el­len Adi­das Kol­lek­tio­nen

Bei geführ­ten Tou­ren durch die Aus­stel­lung hält Adi­das eine Über­ra­schung bereit: Mit impo­sant ein­ge­spiel­ter Geräusch­ku­lis­se öff­net sich lang­sam eine schwe­re Beton­tür, die den Ein­druck eines Hoch­si­cher­heits­tre­sors erzeugt. Dahin­ter befin­det sich ein Raum mit gedämpf­tem Licht und sphä­ri­schen Klän­gen, der den Besu­cher mit nahe­zu sakra­ler Aura emp­fängt. Hier sind per­sön­li­che Gegen­stän­de des Unter­neh­mens­grün­ders Adolf (Adi) Dass­ler sowie Hin­ter­las­sen­schaf­ten sei­ner Lebens- und Arbeits­welt aus­ge­stellt.

The hid­den trea­su­res”

In der Mit­te des Raums steht eine höl­zer­ne Werk­bank aus der Früh­zeit des Unter­neh­mens. Umhüllt wird die Werk­bank von drei schwe­ben­den, leuch­ten­den Strei­fen. Das Ziel die­ser Insze­nie­rung besteht u.a. in der Iden­ti­fi­zie­rung des Besu­chers mit dem Grün­dungs­va­ter des Unter­neh­mens. Es fällt schwer, sich die­ser Schatz­kam­mer-Atmo­sphä­re zu ent­zie­hen. Sie erzeugt Ruhe, Kon­zen­tra­ti­on, auch Ehr­furcht.

Die atmo­sphä­risch aus­ge­leuch­te­te Werk­bank.

Der Weg durch den drit­ten Bereich der Aus­stel­lung führt an 16 Zeit­kap­seln vor­bei, soge­nann­ten “Fro­zen Moments”. Die Kap­seln wer­den erleuch­tet, sobald der Besu­cher an ihnen vor­über­geht. Sport­li­che Erfol­ge und wich­ti­ge Momen­te der wech­sel­vol­len Unter­neh­mens­ge­schich­te wer­den hier anhand eines bestimm­ten Objekts insze­niert, das sich mit Per­so­nen und ihrem Han­deln zu einem bestimm­ten Zeit­punkt ver­ei­nigt: der Fuss­ball-WM-Sieg ’54, der Rekord­sprung von Bob Bea­m­on, der Augen­blick in dem Ste­fa­nie Graf bes­te Ten­nis­spie­le­rin der Welt wird etc. Auf den vor den Kap­seln ange­brach­ten iPads las­sen sich die Geschich­ten nach­le­sen und nach­voll­zie­hen.

16 “Fro­zen Moments”

In der letz­ten Zeit­kap­sel liegt ein rotes Samt­kis­sen. Es steht sym­bo­lisch für jenen frei­en Platz, den der Besu­cher mit sei­ner Geschich­te und sei­nem beson­de­ren Moment fül­len kann. Jeder soll sich hier sei­nen eige­nen “Adi­das-Moment” vor­stel­len. Die Uhr dar­un­ter läuft wei­ter (s. unten im Bild) und weist damit in die Zukunft.

Die letz­te Zeit­kap­sel wen­det sich direkt an den Besu­cher.


2. Das Fir­men-Archiv

Seit 2012 gibt es das fir­men­ei­ge­ne Archiv. In den kli­ma­ti­sier­ten Räu­men wer­den bei 18°C und 50% Luft­feuch­tig­keit Schu­he, Taschen, Beklei­dun­gen und ande­re Objek­te der Fir­men­his­to­rie ein­ge­la­gert, regis­triert, kon­ser­viert und (bei Bedarf) restau­riert.

Ein­blick ins Archiv: Bei 18°C und 50% Luft­feuch­tig­keit sind die Objek­te unter opti­ma­len Bedin­gun­gen ein­ge­la­gert.

Unter den Archi­va­li­en fin­den sich bei­spiels­wei­se Tri­kots und Fuss­ball­schu­he mit Nut­zungs­spu­ren von Welt­meis­tern und Super­stars, dar­un­ter auch die aktu­el­len ‘Welt­meis­ter­schu­he’ von Tho­mas Mül­ler oder Mesut Özil. Mesut Özil hat­te 2014 mit sei­nem Paar ‘Fuss­ball­stie­fel’ die kom­plet­te WM durch­ge­spielt, an sei­nen Schu­hen las­sen sich die Spu­ren des Tur­niers noch deut­lich erken­nen. Viel fri­scher sehen hin­ge­gen die Schu­he von Tho­mas Mül­ler aus. Er hat­te sie nach jedem Spiel aus­ge­tauscht.

Der Welt­meis­ter­schuh von Tho­mas Mül­ler

In den Rega­len des Archivs befin­den sich 16.000 Schu­he, aber auch Objek­te wie Ver­kaufs­ka­ta­lo­ge, Schuh­kar­tons oder Schnür­sen­kel. Nicht nur Schuh­fans kom­men auf ihre Kos­ten, denn die Geschich­ten hin­ter den Objek­ten haben das Poten­ti­al, alle Besu­cher anzu­spre­chen. Die viel­fäl­ti­ge Objekt­samm­lung soll die Geschich­ten und Gefüh­le hin­ter einem gewon­ne­nen Fina­le oder einem ver­schos­se­nen Elf­me­ter bewah­ren und wei­ter­ge­ben.

Unter­schrie­be­nes Tri­kot des Triple­si­e­gers aus dem Fuß­ball-Jahr 2013.

Dies wird durch die Spu­ren an den Objek­ten sicht­bar: Tri­kots zei­gen die Spu­ren von Spiel­plät­zen, Lauf­stre­cken und Sprung­gru­ben; sie sind über­sät mit Auto­gram­men; zwi­schen den Stol­len von Fuss­ball­schu­hen fin­den sich die ver­krus­te­ten Gras- und Erdres­te der Are­nen die­ser Welt.

Mesut Özils WM-Schu­he haben den Rasen Rios kon­ser­viert.

Und so ist Mar­tin Geb­hardts Wunsch an den Zeug­wart der deut­schen Fuss­ball-Natio­nal­mann­schaft nur zu fol­ge­rich­tig: Der Schuh soll­te bei der Über­ga­be an das Archiv mög­lichst benutzt sein, also dre­ckig!

3. Online: Adi­das Archi­ve

Nach und nach wer­den die Objek­te aus dem Fir­men­ar­chiv auch medi­al gesi­chert und auf der Web­sei­te des adi­das Archivs digi­tal erfahr- und nutz­bar gemacht. Inzwi­schen sind 3.179 Samm­lungs­ob­jek­te kate­go­ri­siert und online ver­füg­bar. Die Auf­ga­be des Online Archivs ist es, die Geschich­ten hin­ter den Pro­duk­ten auch außer­halb der Aus­stel­lung sicht­bar zu machen.

Die Mis­si­on: “we want you to brea­the the life back into our archi­ve, which we’ve taken out of the attic and into the world.”

Zu die­sem Zweck gibt es unter­schied­li­che Kate­go­ri­en zur Erschlie­ßung der Objek­te. Dar­un­ter die “Exhi­bi­ti­ons”, in denen die Besu­cher der Web­site auf­ge­ru­fen sind, ihre eige­nen Favo­ri­ten aus der Samm­lung zu wäh­len, sie zu einer ‘eige­nen Samm­lung’ zu kura­tie­ren und die­se in den sozia­len Medi­en zu tei­len. Bis­her gibt es ledig­lich 209 die­ser Exhi­bi­ti­ons, eine Inter­ak­ti­on fin­det lei­der nur spär­lich statt.

Zudem gibt es auf der Archiv-Web­site meh­re­re Vide­os zu ent­de­cken, in denen die Unter­neh­mens­ge­schich­te dar­ge­stellt wird (“Our Sto­ries”) und berühm­te Ath­le­ten zu Wort kom­men (“Our Heroes”).

Aus, aus, aus, aus! Das Spiel ist aus! Deutsch­land ist Welt­meis­ter!”

Geschichts­schrei­bung und Adi­das pas­sen zusam­men. 1954 gewan­nen die Spie­ler der deut­schen Mann­schaft die Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft in Adi­das-Schu­hen mit Kunst­stoff­stol­len. Die­se, von Adi Dass­ler aus­ge­tüf­tel­ten Stol­len haben viel­leicht zum Erfolg der deut­schen Natio­nal­elf bei­getra­gen. Inwie­weit das tat­säch­lich so war, ist heu­te neben­säch­lich. Jeder kennt aber die Geschichte(n) des Erfolgs von ’54. Und dar­auf machen die His­to­ri­ker von Adi­das auf­merk­sam. Die ‘Schu­he von Bern’ las­sen sich heu­te in einer der 16 Zeit­kap­seln der Aus­stel­lung bewun­dern.

Schul­bü­cher für die mul­ti­kul­tu­rel­le Gesell­schaft

Schul­bü­cher für die mul­ti­kul­tu­rel­le Gesell­schaft

Ein Bericht von der Tagung ‚Diver­si­ty und Migra­ti­on in Lern­mit­teln’ in Düs­sel­dorf

Die Fehl­stel­le Diver­si­tät wirft ein Schlag­licht auf die Män­gel schu­li­schen (Geschichts-)unterrichts
Die gera­de ver­öf­fent­lich­te Schul­buch­stu­die Migra­ti­on und Inte­gra­ti­on des Georg-Eckert-Insti­tuts für inter­na­tio­na­le Schul­buch­for­schung hat Ver­la­gen, Schul­au­toren, Leh­rern und Leh­rer­bild­nern eini­ges ins Stamm­buch geschrie­ben: Eine didak­tisch anre­gen­de und mora­lisch hin­nehm­ba­re Dar­stel­lung des The­mas Migra­ti­on – immer­hin eines der grund­le­gen­den The­men mensch­li­cher Gesell­schaf­ten, ihrer stän­di­gen Ver­än­de­rung und Ent­wick­lung – gelingt fach­über­grei­fend nicht.

Fächert man das Spek­trum der Ursa­chen die­ses Ver­sa­gens für das Fach Geschich­te auf, so kommt man sehr schnell auf meh­re­re, für alle Betei­lig­ten nicht gera­de schmei­chel­haf­te Pro­blem­zu­sam­men­hän­gen:

  • Wir haben kei­ne Spra­che, um die Phä­no­me­ne der Migra­ti­on ange­mes­sen zu erfas­sen und zu beschrei­ben und in his­to­ri­sche Nar­ra­tio­nen sinn­voll zu inte­grie­ren.

Vor­herr­schend ist hin­ge­gen

  • die Fest­le­gung der „Aus­län­der“, „Armuts­flücht­lin­ge“ oder „Gast­ar­bei­ter“ auf Rol­len­kli­schees;
  • ein defi­zit­fi­xier­tes Her­an­ge­hen, das Migra­ti­on aus Sicht einer schein­ba­ren Mehr­heits­ge­sell­schaft beschreibt und eine kon­flikt­be­la­de­ne Dicho­to­mie von ‚wir’ und ‚die’ erzeugt;
  • eine unkri­ti­sche Über­nah­me poli­ti­scher Kor­rekt­hei­ten, die nicht zum Den­ken anregt;
  • ein tie­fer Spalt zwi­schen Lehr­ma­te­ri­al und Unter­richts­di­dak­tik;
  • eine fach­li­che Fixie­rung auf die Tra­di­tio­nen der deut­schen Geschichts­schrei­bung und ‑for­schung, die ver­hin­dert, dass benach­bar­te Bezugs­wis­sen­schaf­ten berück­sich­tigt wer­den;
  • eine unre­flek­tier­te Fort­set­zung alt­be­kann­ter Schul­buch­tra­di­tio­nen, die das Schul­buch nach wie vor als Ver­laut­ba­rung des staat­lich appro­bier­ten, ‚rich­ti­gen’ Wis­sens ver­steht, statt als Platt­form, die fach­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on anregt, Ori­en­tie­rungs­an­läs­se schafft und eigen­stän­di­ge Urteils­bil­dung her­aus­for­dert;
  • der Unwil­len oder die Unfä­hig­keit, Diver­si­tät als ein anthro­po­lo­gisch begründ­ba­res Grund­ver­hält­nis des Lebens auf­zu­grei­fen und in allen zurück­lie­gen­den Epo­chen auf­zu­zei­gen;
  • ein bis­lang weit­ge­hend feh­len­des Durch­den­ken, Akzep­tie­ren und Gestal­ten der Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung als para­dig­ma­ti­scher Wan­del, der eben nicht nur sek­to­ra­le Aus­wir­kun­gen hat, son­dern nicht zuletzt auf die Art und Wei­se der Schul­buch­ge­stal­tung wir­ken muss.

Die Lis­te lie­ße sich lan­ge fort­füh­ren. Sie mar­kiert all die Unter­las­sungs­sün­den, Denk­faul­hei­ten und büro­kra­ti­schen Ver­rie­ge­lun­gen, unter denen Geschichts­un­ter­richt als Teil des öffent­li­chen Umgangs mit Geschich­te lei­det. Und sie ver­deut­licht, war­um die schu­li­sche Befas­sung mit Geschich­te nicht den Platz im Kon­zert geschichts­kul­tu­rel­ler Akteu­re ein­neh­men kann, der ihr – gemes­sen an Res­sour­cen­ein­satz und gesell­schaft­li­cher Bedeu­tungs­zu­schrei­bung – zuste­hen wür­de.

Para­do­xi­en des Geschichts­un­ter­richts
Einer­seits beschwö­ren alle Betei­lig­ten, dass sie Schü­ler zu selbst­den­ken­den Men­schen for­men wol­len, ande­rer­seits erwar­tet man, dass Lehr­plä­ne, Schul­bü­cher und Leh­rer die Ver­kün­dungs­or­ga­ne der einen, ‚rich­ti­gen’ und damit sta­ti­schen ‚Erkennt­nis’ sind. (Eltern sind dabei nicht sel­ten an vor­ders­ter Front zu fin­den, denn sie ver­lan­gen gera­de im Fach Geschich­te, das ja doch wohl ein ‚Lern­fach’ sei, kei­ne Erkennt­nis­se, son­dern Erkennt­nisend­gül­tig­keit.)

Einer­seits wol­len alle welt­of­fen und tole­rant sein, ande­rer­seits sind die Akteu­re des Bil­dungs­we­sens oft genug nicht in der Lage, den natio­nal­staat­li­chen Erzähl­rah­men als Kon­struk­ti­on trans­pa­rent zu machen und sich, wo es sinn­voll und nötig erscheint, von ihm zu lösen.

Einer­seits ist Deutsch­land de fac­to ein Ein­wan­de­rungs­land, ande­rer­seits tun wir so, als habe eine schein­bar homo­ge­ne Mehr­heits­ge­sell­schaft den Auf­trag, sich mit pater­na­lis­ti­scher Hal­tung bedau­ernd und the­ra­pie­rend an die „ent­wur­zel­ten“, „hei­mat­lo­sen“ und von „Pro­ble­men erdrück­ten“ „Frem­den“ zu wen­den, um von ihnen Anpas­sungs­leis­tun­gen an ein Deutsch­sein zu ver­lan­gen, das jedoch in der deut­schen All­tags­rea­li­tät der Gegen­wart allen­falls eine bil­dungs­hu­be­risch-roman­ti­sche Fik­ti­on ist.

Einer­seits soll die Schu­le lebens­nah sein, um die Befas­sung mit den The­men des Lehr­plans und der Schul­bü­cher nicht zu rei­ner Tro­cken­schwim­me­rei ver­kom­men zu las­sen, ande­rer­seits haben wir oft Angst vor den dann nöti­gen, offe­nen Debat­ten im Unter­richt, die sich mit den poli­ti­schen, mora­li­schen und öko­no­mi­schen Her­aus­for­de­run­gen und Pro­ble­men der Gegen­wart befas­sen.

Einer­seits soll­ten wir, wie die Diver­si­ty-Edu­ca­ti­on prä­gnant her­vor­hebt, die Indi­vi­dua­li­tät mensch­li­cher Ent­wick­lun­gen und Prä­gun­gen ernst neh­men, ande­rer­seits wei­gern wir uns, his­to­ri­sche Nar­ra­tio­nen trans­pa­rent zu machen und jene Schü­ler, die sich mit ihnen aus­ein­an­der­set­zen sol­len, in Schul­bü­chern direkt anzu­spre­chen.

Einer­seits haben wir angeb­lich ver­stan­den, dass Men­schen kon­stru­ie­rend die Welt gestal­ten und sie deu­tend nar­ra­ti­vie­ren, ande­rer­seits tun wir so, als hät­ten z.B. bestimm­te For­men kul­tu­rel­ler Bedeu­tungs­kon­struk­te objek­ti­ve Qua­li­tät mit Ewig­keits­cha­rak­ter und müss­ten daher nicht nach Funk­tio­nen, Kon­tex­ten und Reich­wei­ten befragt wer­den. Sol­che Kul­tur­kon­struk­te haben – auf wel­chem Wege auch immer – offen­bar die sakro­sank­te Posi­ti­on einer „Leit­kul­tur“ (Th. Som­mer) erlangt, nach der sich Men­schen zu rich­ten haben.

Not­wen­dig­kei­ten
Diver­si­tät darf nicht als Son­der­phä­no­men auf­ge­fasst wer­den, das sich addi­tiv und fakul­ta­tiv anspre­chen lässt, nach­dem die angeb­li­chen ‚Grund­la­gen’ der poli­ti­schen Haupt- und Staats­ak­tio­nen erschöp­fend behan­delt wur­den. Viel­mehr ist Diver­si­tät ein Grund­sach­ver­halt mensch­li­chen Lebens, der sich in einer immer wie­der von Men­schen gemach­ten Erfah­rung der Unter­schei­dung des Einen und des Ande­ren, des Eige­nen und des Frem­den aus­drückt. Und die­se Erfah­rung besteht eben nicht nur zwi­schen einer ver­meint­lich indi­ge­nen, kul­tu­rell homo­ge­nen und eth­nisch rei­nen Mehr­heits­ge­sell­schaft und jenen „Flücht­lings­strö­men“, „Migran­ten­wel­len“ oder „Asyl­flu­ten“, die sie schein­bar bedro­hen, son­dern in allen Unter­schied­lich­kei­ten, die zwi­schen Alten und Jun­gen, Ossis und Wes­sis, Reli­giö­sen und Nicht­re­li­giö­sen, Arbeits­neh­mern und Arbeit­ge­bern, Mono­lin­gua­len und Mul­ti­lin­gua­len, kör­per­lich Beein­träch­tig­ten und Nicht-Beein­träch­tig­ten, Män­nern und Frau­en, Gebil­de­ten und Unge­bil­de­ten etc. ent­ste­hen.

Unter­schied­lich­keit immer nur als Pro­blem zu begrei­fen, statt sie auch als Berei­che­rung und Anre­gung auf­zu­neh­men, offen­bart die Men­ta­li­tät einer Gesell­schaft, deren gro­ßes Seh­nen nach Unver­än­der­lich­keit, Sicher­heit, Ver­läss­lich­keit und Ver­ein­fa­chung inzwi­schen aus allen gesell­schaft­li­chen Poren dringt.

Wie es nicht gehen kann und was hel­fen wür­de
Die­sem Seh­nen ent­spricht im Bereich der Schul­buch­ge­stal­tung das Fest­hal­ten an den Denk- und Hand­lungs­wei­sen einer ana­lo­gen Welt, die mit der Wei­ge­rung ein­her­geht, von den Regeln und Gren­zen der Buch­for­ma­te und Druck­sei­ten zu las­sen.

Und so rech­net man zur Ver­fü­gung ste­hen­de Buch­sei­ten aus und teilt sie – nach aktu­ell erahn­ten, öffent­li­chen Auf­merk­sam­kei­ten – den ‚zu berück­sich­ti­gen­den’ Benachteiligten‑, Migrations‑, Opfer- oder sons­ti­gen ‚Pro­blem­grup­pen’ zu. Und jeder die­ser Grup­pen kann man dann ‚lei­der’ auch nur sehr kurz Erwäh­nung tun; Haupt­sa­che, die Stich­wor­te sind bedient. Über­dies müs­sen wir uns, trotz aller Dring­lich­keit, natür­lich auch in Geduld üben, weil die nächs­te papier­ge­bun­de­ne Schul­buch­ge­nera­ti­on noch eine Wei­le auf sich war­ten las­sen kann.

Lie­be Mit­strei­ter: So geht es nicht! Das kann auch jeder leicht erken­nen, der die Augen auf­macht.

Die Mög­lich­kei­ten der Digi­ta­li­tät könn­ten hin­ge­gen an die­ser Stel­le einen ech­ten Mehr­wert bie­ten:

  • Wenn das The­ma Diver­si­tät unbe­strit­ten doch so wich­tig und dring­lich ist, war­um nut­zen wir zum Bei­spiel die schnel­le Ver­än­der­bar­keit digi­ta­ler Medi­en nicht? Digi­ta­le Schul­bü­cher las­sen sich prak­tisch ohne Zeit­ver­zug aktua­li­sie­ren und erwei­tern. Und sie bie­ten damit die Chan­ce, zeit­nah auf drän­gen­de Her­aus­for­de­run­gen und Ori­en­tie­rungs­an­läs­se ein­zu­ge­hen, weil sich bestimm­te didak­ti­sche Insze­nie­run­gen und kon­kre­te Bei­spie­le aus­tau­schen las­sen.
  • War­um behar­ren wir auf der kogni­ti­ven Ein­sei­tig­keit und der mono­me­dia­len Ver­en­gung auf druck­ba­re Tex­te und eini­ge (weni­ge) Bil­der, wenn die Medi­en Film und Audio auf digi­ta­lem Weg in ein Schul­buch inte­grier­bar und in der Lage sind, emo­tio­na­le oder ästhe­ti­sche Zugän­ge zu Diver­si­täts­phä­no­me­nen zu eröff­nen? Diver­si­tät drückt sich eben nicht immer in deut­scher Spra­che und archiv­ba­sier­ten Text­kon­ven­tio­nen aus.
  • War­um nut­zen wir die Varia­bi­li­tät digi­ta­ler Dar­stel­lungs­for­men nicht, wenn es dar­um geht, Autoren­tex­te trans­pa­rent zu machen, etwa in der Kom­bi­na­ti­on mit Autoren­vi­de­os, wie dies im mul­ti­me­dia­len Geschichts­buch (mBook) modell­haft gezeigt wur­de?
  • War­um spre­chen wir Schü­ler im Schul­buch nicht direkt an und machen ihnen mit den Mit­teln digi­ta­ler Tech­nik die roten Fäden der ihnen vor­lie­gen­den Schul­buchnar­ra­tio­nen deut­lich?
  • War­um nut­zen wir die Chan­cen digi­ta­ler Instru­men­te nicht, wenn es doch not­wen­dig ist, die Viel­falt metho­di­scher Ver­fah­ren zur de-kon­stru­ie­ren­den Erschlie­ßung von Nar­ra­tio­nen zu erhö­hen?
  • War­um bie­ten wir nicht eine viel grö­ße­re Dif­fe­ren­zie­rung von Mate­ria­li­en an, wie dies im digi­ta­len Raum – etwa durch die Nut­zung meh­re­rer Ebe­nen – mög­lich wäre? Ver­schie­de­ne Stu­fen didak­tisch redu­zier­ter und nach bestimm­ten Kri­te­ri­en auf­ge­schlüs­sel­ter Quel­len und Dar­stel­lun­gen könn­ten hel­fen, Wahr­neh­mungs­bar­rie­ren zu sen­ken und sich The­men zuzu­wen­den, denen man sich bis­lang nicht zuge­wandt hat.
  • Diver­si­tät macht die Hete­ro­ge­ni­tät mensch­li­chen Lebens deut­lich. Die­se Hete­ro­ge­ni­tät braucht fach­lich und fach­di­dak­tisch ange­mes­se­ne Räu­me. Sie lässt sich im (poten­ti­ell unend­li­chen) digi­ta­len Raum umset­zen, ohne Schul­bü­cher zu auf­ge­bläh­ten und unor­ga­ni­sier­ten Mate­ri­al­samm­lun­gen zu machen.

Eini­ge der oben beschrie­ben Tech­ni­ken und Metho­den kann man im Pro­be­ka­pi­tel des mBooks zum Ers­ten Welt­krieg nach­voll­zie­hen.

Fazit

Erich Käst­ners Rat an die Schü­ler, den Schul­bü­chern „gele­gent­lich“ zu miss­trau­en, weil sie auf einem reak­tio­nä­ren Tra­di­tio­na­lis­mus beru­hen, ist heu­te so aktu­ell wie zu Beginn der 1950er Jah­re. Die Kluft zwi­schen einer digi­tal-media­len Gegen­wart, in der Schü­ler wie Leh­rer sich bewe­gen, und der Rea­li­tät des ana­lo­gen Schul­buchs, mit dem Schü­ler und Leh­rer umge­hen müs­sen, scha­det der Akzep­tanz und der Rele­vanz des Fach­un­ter­richts, denn Inhalt und Dar­rei­chungs­form die­ses ana­lo­gen Buchs erzeu­gen Miss­trau­en und Abwen­dung, wenn sich mit ihm Para­do­xi­en ver­bin­den, die eine Errei­chung der Bil­dungs­zie­le nicht erleich­tern, son­dern sie behin­dern. Das aller­dings gilt für alle Schul­bü­cher, nicht nur für die des Fachs Geschich­te.

Digi­ta­les Ler­nen — Mit Schu­len statt über Schu­len spre­chen

Digi­ta­les Ler­nen — Mit Schu­len statt über Schu­len spre­chen

Vie­le Men­schen haben Angst davor, dass die digi­ta­le Rea­li­tät des 21. Jahr­hun­derts auch im bis dato ver­meint­lich geschütz­ten Klas­sen­zim­mer ankom­men könn­te. Sie hal­ten digi­ta­le Gerä­te für Vor­bo­ten see­len­lo­ser Roboter­leh­rer (J. Gross­rath). Ande­re ver­tre­ten vehe­ment die Auf­fas­sung “Bild­schirm­me­di­en machen dick und unauf­merk­sam, sen­ken die Leis­tung in der Schu­le und füh­ren zu mehr Gewalt in der rea­len Welt (M. Spit­zer). Oder man befürch­tet, dass die Umset­zung digi­ta­len Ler­nens im Unter­richt aus tech­ni­schen Grün­den nicht rea­li­sier­bar sei.

Um die­sen Vor­ur­tei­len und Ängs­ten nach­zu­ge­hen sind wir dort­hin gegan­gen, wo die­se Fra­gen täg­lich viru­lent sind: in eine Schu­le.
Die Real­schu­le am Euro­pa­ka­nal in Erlan­gen stellt sich seit 2011 den digi­ta­len Her­aus­for­de­run­gen. Über 200 Schü­ler ler­nen dort mit Tablets. Die Ziel­set­zung des Tablet-Unter­richts beschreibt die Schu­le dabei so: “Wis­sen ist im Inter­net heu­te in viel­fäl­tigs­ter Wei­se vor­han­den. Man muss aber ler­nen, damit umzu­ge­hen, es zu struk­tu­rie­ren, zu ana­ly­sie­ren und zu prä­sen­tie­ren. Um die­se Kul­tur­tech­nik des 21. Jahr­hun­derts anzu­bah­nen, muss die digi­ta­le Lebens­wirk­lich­keit auch in der Schu­le ankom­men. Das iPad bringt den Makro­kos­mos ‘Welt’ in den Mikro­kos­mos ‘Schu­le’! Wir wol­len den mün­di­gen Schü­ler, wir wol­len den Schü­ler, der team­fä­hig ist, der prä­sen­tie­ren kann – immer auf der Basis eines soli­den, nach­hal­ti­gen Grund­wis­sens.” (Home­page der Schu­le)

Wir durf­ten in zwei Dop­pel­stun­den Geschichts­un­ter­richt einer 8. und einer 10. Klas­se hos­pi­tie­ren. Die Stun­den­the­men behan­del­ten ‘Napo­le­on’ sowie die ‘Insti­tu­tio­nen der EU’.

Alle Schü­ler hat­ten in die­sen Unter­richts­stun­den ein iPad vor sich lie­gen. Die not­wen­di­gen Mate­ria­li­en wur­den über einen öffent­li­chen Blog zur Ver­fü­gung gestellt. Die Leh­rer wur­den auf die­se Wei­se zu Mode­ra­to­ren eigen­stän­di­ger Erkennt­nis­pro­zes­se. In der Klas­se wur­de ein mit Apple TV ver­bun­de­ner Bea­mer genutzt. Die Schü­ler konn­ten damit jeder­zeit, vom eige­nen Arbeits­platz aus und tech­nisch voll­kom­men pro­blem­los ihre Ergeb­nis­se vor der Klas­se prä­sen­tie­ren. Die­se Demo­kra­ti­sie­rung der Tafel bzw. des Bea­mers ent­spricht der gesam­ten Phi­lo­so­phie der Schu­le: Die digi­ta­le Tech­nik wird dazu genutzt, effek­tiv und krea­tiv, kol­la­bo­ra­tiv, eigen­ver­ant­wort­lich und komp­tenz­ori­en­tiert zu arbei­ten.

Aber in der Pra­xis funk­tio­niert das alles doch nicht?
Die tech­ni­sche Aus­stat­tung in der Real­schu­le am Euro­pa­ka­nal ist schlank, nahe­zu unsicht­bar und effek­tiv. Die Tablets gehö­ren den Schü­lern und funk­tio­nie­ren laut Aus­sa­gen von Leh­rern und Schü­lern seit vier Jah­ren pro­blem­los. Tech­ni­sche Aus­fäl­le sind sehr sel­ten. Das WLAN ist stark, gut geschützt und intel­li­gent auf­ge­baut (zu die­sem The­ma wird es in Kür­ze hier einen aus­führ­li­chen Bericht geben). Sowohl Leh­rer als auch Schü­ler bestä­tig­ten, dass Zeit­ver­lust durch tech­ni­sche Pro­ble­me eine abso­lu­te Aus­nah­me ist.

Miss­brauch, Mob­bing, Ablen­kung?
Das Netz in der Schu­le ist mit Restrik­tio­nen belegt. Eini­ge Sei­ten sind grund­sätz­lich gesperrt. Zudem wird das Surf-Ver­hal­ten der Schü­ler auf­ge­zeich­net. Die Schü­ler wis­sen das. Sie hal­ten sich an die Nut­zer­ver­ein­ba­run­gen, die sie mit der Schu­le geschlos­sen haben. In den ers­ten vier Jah­ren kam es nur zu einem Fall, der dis­zi­pli­na­risch geahn­det wer­den muss­te. Laut Aus­sa­ge der Leh­rer sind Pro­ble­me in den Nicht-Tablet-Klas­sen ver­brei­te­ter, da dort die Schü­ler deut­lich unkon­trol­lier­ter auf ihren Smart­pho­nes agie­ren.

Bei­spie­le für gelun­ge­nes (digi­ta­les) Ler­nen
Eini­ge weni­ge Unter­richts­bei­spie­le aus den bei­den Dop­pel­stun­den sol­len kurz skiz­ziert wer­den:

  • Erschlie­ßung von Kari­ka­tu­ren über die EU:
    Die Kari­ka­tu­ren fin­den sich im Blog. Mit Hil­fe einer App ver­se­hen die Schü­ler ein­zel­ne Ele­men­te der Kari­ka­tu­ren mit Kom­men­ta­ren, wei­te­ren Gra­fi­ken oder Vide­os. Meh­re­re Grup­pen prä­sen­tie­ren im Anschluss ihre Ergeb­nis­se vor der Klas­se. Die Qua­li­tät der Bei­trä­ge ist erstaun­lich hoch: Kom­ple­xe The­men, wie das der­zei­ti­ge Flücht­lings­dra­ma im Mit­tel­meer, wer­den dif­fe­ren­ziert prä­sen­tiert und in der Klas­se kon­tro­vers dis­ku­tiert.
  • Erar­bei­tung des Kon­zepts asym­me­tri­scher Krieg­füh­rung:
    Die Schü­ler ord­nen Aus­sa­gen über ‘regu­lä­re Trup­pen’ und ‘Gue­ril­la­kämp­fer’ auf einem anspre­chend gestal­te­ten Bild per drag and drop zu. Auf der einen Sei­te sind die Trup­pen Napo­le­ons zu sehen, auf der ande­ren Sei­te por­tu­gie­si­sche Gue­ril­le­ros. Am Ende gibt das Pro­gramm eine Rück­mel­dung über die Rich­tig­keit der Zuord­nung. Im anschlie­ßen­den Unter­richts­ge­spräch wird das Kon­zept gefes­tigt, auf unter­schied­li­che Epo­chen bezo­gen und mit heu­ti­gen Kriegs­tak­ti­ken ver­gli­chen.
  • Erschlie­ßung einer Info­gra­fik aus dem Jahr 1869:
    Die Schü­ler zie­hen per drag and drop Aus­sa­gen über den Russ­land­feld­zug auf die Gra­fik. Dabei schu­len sie ihr metho­di­sches Wis­sen und erschlie­ßen sich eigen­stän­dig grund­sätz­li­che Pro­ble­me und Fehl­schlä­ge des napo­leo­ni­schen Russ­land­feld­zu­ges. Auch hier wer­den die Ergeb­nis­se der jewei­li­gen Grup­pen mit­tels Bea­mer prä­sen­tiert, abge­gli­chen und dis­ku­tiert.
    Ohne die Mög­lich­keit, in die Gra­fik zu zoo­men und sie mit Infor­ma­tio­nen zu ver­se­hen, wäre die Gra­fik nicht sinn­voll im Unter­richt ein­setz­bar.

Fazit:
Es gibt sie, die Schu­len, die nicht von Beden­ken­trä­gern, son­dern von visio­nä­ren Prak­ti­kern geführt wer­den. Es ist mög­lich, Schu­le frei­er und anders zu den­ken. In Erlan­gen führt die­ses neue Den­ken zu deut­lich sicht- und wirk­sa­mer Schul­ent­wick­lung, die Aus­wir­kun­gen auf das gesam­te Schul­le­ben hat: Abschaf­fung des Stun­den-signals, Ein­füh­rung des Dop­pel­stun­den­prin­zips, kon­se­quen­te Nut­zung von Fach­räu­men, Arbeit an der papier­lo­sen Klas­se, Erwei­te­rung des Ange­bots zu fach­lich-metho­di­scher Arbeit, Inten­si­vie­rung und Demo­kra­ti­sie­rung der Unter­richts-kom­mu­ni­ka­ti­on.

Digi­ta­le Tech­nik allei­ne löst kei­ne Pro­ble­me. Digi­ta­le Tech­nik in Kom­bi­na­ti­on mit einem inno­va­ti­ven schu­li­schen Kon­zept, einer (fach-) didak­ti­schen Hin­ter­le­gung und einer päd­ago­gi­schen Beglei­tung hat hin­ge­gen die­ses Poten­ti­al.

Dabei unter­stützt digi­ta­les Ler­nen eben nicht nur für den Erwerb von Medi­en­kom­pe­tenz im All­ge­mei­nen, son­dern auch hoch­wer­ti­ge Lern­pro­zes­se in den jewei­li­gen Fächern.

Schließ­lich soll Mar­kus Böl­ling, der Rek­tor der Real­schu­le am Euro­pa­ka­nal, abschlie­ßend das Wort haben. Er äußert sich zu den The­men Tech­nik, digi­ta­ler Mehr­wert, Sozi­al­ver­träg­lich­keit, Con­tent und poli­ti­sche Rah­men­be­din­gun­gen:

Die gefähr­li­che Eksta­se der Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung — eine Pole­mik

Die gefähr­li­che Eksta­se der Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung — eine Pole­mik

Digi­ta­li­sie­rung als Chan­ce zur Unter­richts­ver­bes­se­rung wahr­neh­men wol­len — oder nicht?

Tablets im Unter­richt allein brin­gen kei­ne Ver­bes­se­rung der Bil­dung. Wer mit digi­ta­len Tech­ni­ken unter­rich­ten will, muss Inhalt, didak­ti­sches Kon­zept und Tech­nik zusam­men­füh­ren. Dar­an arbei­ten vie­le Leu­te in die­sem Land. Wer sich im OER-Bereich umsieht, wer die Ent­wick­lung des ers­ten mul­ti­me­dia­len und digi­ta­len Schul­buchs (mBook) in Deutsch­land ver­folgt hat, wer die Arbeit mit Lern­platt­for­men und mehr­ka­na­li­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­ge­bo­ten kennt, der weiß, wie inten­siv Leh­rer, Didak­ti­ker, Bil­dungs­for­scher, Tech­ni­ker und auch vie­le Bil­dungs­po­li­ti­ker an der Zukunft von Unter­richt und Schu­le arbei­ten. Wie schön wäre es, wenn es da ein wenig Zuspruch und Opti­mis­mus gäbe. Wenigs­tens Fair­ness wäre ange­bracht, auch und gera­de von den Leu­ten, die für öffent­li­che Debat­ten in die­sem Land beruf­lich Ver­ant­wor­tung tra­gen. Was wir jedoch oft­mals sehen und lesen, hat nichts mit Opti­mis­mus und Fair­ness zu tun, denn es gibt Pro­ble­me. Und offen­bar ist es zu reiz­voll, die­se Pro­ble­me für den satt­sam bekann­ten Erre­gungs­jour­na­lis­mus aus­zu­nut­zen. Jour­na­lis­ten tun das lei­der immer wie­der, und sie erge­hen sich dann mit­un­ter in einem simp­len Kri­ti­kas­ter­tum. Im letz­ten Cice­ro etwa wur­de eine angeb­li­che “Tablet-Eksta­se der Schul­po­li­tik” an den Pran­ger gestellt .

Digi­ta­li­sie­rung der Bil­dung als jour­na­lis­ti­sches The­ma
Abge­se­hen davon, dass man von Eksta­se nun wirk­lich nicht spre­chen kann, ange­sichts einer Hand­voll Modell- und Test­klas­sen, ist die Grund­hal­tung sol­cher Bei­trä­ge ein­fach nicht fair. Sicher funk­tio­niert nicht alles rei­bungs­los, sicher gibt es auch Gefah­ren. Aber, so sei erlaubt zu fra­gen: Wo gibt es Gefah­ren eigent­lich nicht im Leben – digi­tal wie ana­log? Auch bei Jour­na­lis­ten ist offen­bar ein fun­dier­te­rer Blick auf die spe­zi­fi­schen Nut­zungs­mög­lich­kei­ten didak­tisch und fach­in­halt­lich geform­ter Medi­en- und Digi­tal­an­ge­bo­te nötig. Dazu reicht es übri­gens nicht, den Abge­klär­ten zu geben, weil man einen Twit­ter-Account hat. Digi­ta­le und medi­en­päd­ago­gi­sche Ange­bo­te im Unter­richt haben inzwi­schen eben deut­lich mehr zu bie­ten als ein­fach nur die Ver­bin­dung mit dem Inter­net her­zu­stel­len. Und daher ist es eben auch viel zu kurz gesprun­gen, im Ton des gelang­weil­ten Bes­ser­wis­ser­tums pau­scha­le Ver­ur­tei­lun­gen vor­zu­neh­men. Der Ton stimmt gera­de bei Herrn Fül­ler nicht. Sein Bei­trag kann von Lesern, die sich nicht jeden Tag im Krei­se der Blog-Gemein­de bewe­gen, so ver­stan­den wer­den, als gehe es ihm vor allem dar­um, das dump­fe Unwohl­sein einer altern­den Gesell­schaft zu bedie­nen, für die das Inter­net “Neu­land” (A. Mer­kel) ist. Wie wer­den wohl tech­nik­skep­ti­sche Kol­le­gen an den Schu­len reagie­ren, wenn sie sol­che Bei­trä­ge lesen?
Und wer hat eigent­lich behaup­tet, dass die Digi­ta­li­sie­rung eine Erlö­sung ist? Bei Scho­pen­hau­er kann man ler­nen, wie man argu­men­tie­ren muss, um ande­re Leu­te in eine bestimm­te Ecke zu stel­len. Herrn Fül­lers Beweg­grün­de, der gegen die angeb­li­che “Tablet-Eksta­se” anschreibt und Orwell­sche Sze­na­ri­en an die Wand malt, sind mir nicht bekannt. Fül­ler inter­pre­tiert jeden­falls einen Bei­trag der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Sas­kia Esken zur digi­ta­len Bil­dung in einer gera­de­zu atem­be­rau­bend ver­dreh­ten Wei­se und unter­stellt ihr dabei recht unver­blümt Hybris, Kar­rie­ris­mus, Plan­lo­sig­keit. Doch abge­se­hen davon bleibt die Fra­ge, was jour­na­lis­ti­sches Gewar­ne und Geme­cke­re in Sachen Digi­ta­li­sie­rung mit den Her­aus­for­de­run­gen zu tun hat, vor denen wir ste­hen?

Bil­dungs­dis­kur­se als ver­gan­gen­heits­be­zo­ge­ne Pseu­do-Zukunft oder Visi­on des Neu­en?
Bil­dung ist wie Fuss­ball: Alle haben Ahnung, abends, auf dem Sofa sit­zend, beim Bier. Alle sind Bun­des­trai­ner. Pro­ble­ma­tisch ist nur, dass sich fast alle Leu­te dabei zuerst immer auf die eige­nen Schul­er­fah­run­gen bezie­hen, die nicht sel­ten Jahr­zehn­te zurück­lie­gen. Und weil Schu­le eben damals den Ziel- und Orga­ni­sa­ti­ons­vor­stel­lun­gen des Anstalts­staats ent­sprach, wird im ver­klä­ren­den Rück­blick die ‘gute alte Zeit’ in die Gegen­wart und Zukunft ver­län­gert. Nach dem Mot­to: ‘Was damals gut war, kann heu­te nicht schlecht sein!’ Sol­che Ein­stel­lun­gen müs­sen wir mit Opti­mis­mus und Hin­wen­dung ver­än­dern.
Wir kön­nen näm­lich nicht so tun, als lie­ße sich die Zukunft auf der Grund­la­ge von Fehl­schlüs­sen und Vor­ur­tei­len gewin­nen. Kann sein, dass sich man­che Mei­nungs­ma­cher, Ver­bands­ver­tre­ter und soge­nann­te ‘Bil­dungs­ex­per­ten’ nicht über den typisch deut­schen Kirch­turm­ho­ri­zont erhe­ben kön­nen. Frau Esken und der Bun­des­tags­aus­schuss Digi­ta­le Agen­da aber neh­men abseits und trotz die­ser Klein­geis­te­rei nicht nur den Reform­wil­len Hum­boldts auf, bei des­sen ach so neu­mo­di­schen Ide­en das Estab­lish­ment vor 200 Jah­ren auch geglaubt hat, der Unter­gang des Abend­lan­des müs­se bevor­ste­hen, die Leu­te in die­sem Aus­schuss wis­sen außer­dem, was in den moder­nen Natio­nen die­ser Welt in Sachen Bil­dung gera­de läuft.

Deut­scher Still­stand und inter­na­tio­na­le Ent­wick­lun­gen
Eine in wei­ten Tei­len unin­for­mier­te, bil­dungs­fer­ne und mit­un­ter schlicht absur­de Debat­te, wie sie hier, im Land der Rea­li­täts­ver­wei­ge­rer, geführt wird, löst nicht nur in den Boom-Län­dern Asi­ens, son­dern auch in vie­len unse­rer Nach­bar­län­der Kopf­schüt­teln aus. Man sehe sich die mil­li­ar­den­schwe­ren Digi­ta­li­sie­rungs­pro­gram­me in Süd­ko­rea oder der Tür­kei an. Man sehe auf das Bil­dungs­pro­gramm in Polen, wo digi­ta­le Schul­bü­cher in allen Fächern ent­wi­ckelt wer­den etc. Bei uns aber glau­ben man­che Dis­ku­tan­ten alles gesagt zu haben, wenn sie sich über eine ruckeln­de Sky­pe-Ver­bin­dung lus­tig machen kön­nen. Gewollt oder unge­wollt leis­tet man damit genau jenen Res­sen­ti­ments Vor­schub, die – nur etwas plum­per – mit dem Gere­de von der “digi­ta­len Demenz” (M. Spit­zer) bedient wer­den.

Unaus­ge­spro­che­ne Schein­ar­gu­men­te: die Ver­klä­rung der ana­lo­gen Schu­le
Über­dies: Ist denn die ana­lo­ge Schu­le das Non­plus­ul­tra? Ist die Kom­pe­tenz­ori­en­tie­rung ana­log erfolg­reich? Kann die ana­lo­ge Schu­le die Her­aus­for­de­run­gen der Inklu­si­on ohne tech­ni­schen Fort­schritt bewäl­ti­gen? Ermög­li­chen wir denn den Erwerb “intel­li­gen­ten Wis­sens” (F. E. Wei­nert), wenn wir dar­auf behar­ren, dass sich nichts ändern muss? Bekom­men wir in der ana­lo­gen Schu­le tat­säch­lich umfas­send gebil­de­te, kri­tik­fä­hi­ge, ergeb­nis­ori­en­tier­te, sozi­al­kom­pe­ten­te, selbst­or­ga­ni­sier­te Leu­te, die Ver­ant­wor­tung tra­gen wol­len und kön­nen? Mit sol­chen Fra­gen sind doch ganz schnell die Lebens­lü­gen des bis­he­ri­gen Schul­sys­tems mar­kiert. Sei’s drum! In die­sem Land haben die Ver­wal­ter das Sagen, die­je­ni­gen, für die Bil­dung etwas Sta­ti­sches ist, die­je­ni­gen, die ihre ‘Bil­dung’ mit jenem gym­na­sia­len Dün­kel ver­tei­di­gen wol­len, mit dem sie sich schon sei­ner­zeit, beim eige­nen Schul­be­such in der ‘Anstalt’, so woh­lig vom Rest der Welt abge­ho­ben haben. Das Resul­tat ist eine Stim­mung des Still­stands, der Angst vor dem Neu­en und der unqua­li­fi­zier­ten Abwehr guter Ide­en: Wir wol­len um nichts in der Welt etwas ändern am fron­tal geführ­ten Klas­sen­ver­band, der in iso­lier­ten Räu­men hockt, mit Tafel und Krei­de han­tiert, durch Fet­zen­stun­den­plä­ne gehetzt wird und den Nor­mie­rungs­vor­stel­lun­gen des Indus­trie­zeit­al­ters unter­liegt.

Der Bei­trag von Herrn Fül­ler arbei­tet an all die­sen The­men nicht. Er ist ledig­lich selbst­ge­recht, unfair und ver­ant­wor­tungs­los!